„Erzähl doch mal, wie ist es so?“

Mir ist es noch nie so schwergefallen, auf diese Frage zu antworten. Und gleichzeitig hatte ich selten so ein großes Bedürfnis, meine Eindrücke zu teilen. Es ist Samstag, ich sitze gerade im Garten der Familie, bei der ich wohne, die Sonne strahlt auf meine winter-gebleichten Beine, exotische Vögel machen exotische Geräusche und sie lenkt mich seit einer Woche bei allem ab, was ich zu tun gedenke: die Schönheit einer Natur, die ich so noch nie gesehen habe. 

Erzähl doch mal, wie ist es so? 

Es ist ganz schön viel. Ich bin jetzt seit einer Woche in Nairobi und langsam fällt eine Anspannung von mir ab, eine, die man erst spürt, wenn man sie nicht mehr spürt. Ich kann mich langsam entspannen und habe mich akklimatisiert – nicht bezogen auf das subtropische Wetter, aber auf alles, was dazugehört, wenn man das Universum seiner Komfortzone verlässt. Ich wohne nicht im City-Center, ich wohne in einer sicheren, so wie ich es bisher wahrnehme, elitären Gegend. Der Hauptsitz der UN ist nicht mal einen Kilometer entfernt, sämtliche Botschaften befinden sich in Laufnähe, ein Großteil der Häuser ist umzäunt, es gibt Nutella im Supermarkt. Mein Zimmer ist eine kleine Gartenlaube, mein Bett ummantelt ein Moskitonetz, das Wasser in der Dusche wird nur warm, wenn die Sonne lange genug geschienen hat. Wenn ich im Garten frühstücke, dann bewegen sich Schildkröten zwischen meinen Beinen, darauf wartend, dass ich ein Stück Obst fallen lassen. Die Katze heißt Tacco und ist schwanger. Es gibt zwei Wachhunde, die Hühner legen so viele Eier, dass sie für die 9-köpfige Familie reichen, im Garten wachsen Bananen. Das hört sich sehr romantisch an. Das ist auch sehr romantisch, weil es nichts Pureres gibt, als unveränderte Natur und nichts Schöneres, als die Farben, die sie hervorbringt. Ich habe das Gefühl, selbst das Gras strahlt hier grüner. Ich bin sehr dankbar, dass ich genau hier wohne, mit genau dieser 9-köpfigen Familie, und all den Tieren, die dazugehören. Und trotzdem fühle ich mich in manchen Momenten sehr einsam. Wenn ich nicht schlafen kann, weil der Generator an meiner Zimmerwand lauter brummt als ich denken kann. Wenn mir kalt, und die Dusche noch kälter ist. Wenn mich das Bedürfnis nach körperlicher Nähe überkommt, wenn ich meine Freundinnen am Telefon höre, meine Familie, und meinen Freund. Normalerweise habe ich kein Heimweh, hier schon. Vielleicht, weil Ostafrika so ganz anders ist, als alles, was ich kenne, und weil es normal ist, sich nach Normalität zu sehnen – wobei ich immer wieder merke, wie subjektiv dieses Konzept ist.  

Erzähl doch mal, wie ist es so?

Obwohl Deutschland auf der Positivliste des kenianischen Gesundheitsministeriums steht und deshalb von der Quarantänepflicht nach Einreise ausgeschlossen ist, wollte meine Praktikumsstelle, dass ich mich 5 Tage isoliere und dann einen PCR-Test mache, vorher dürfe ich nicht kommen. Ich war sehr nervös in diesen Tagen. Aerosole fragen dich nicht, ob sie sich einnisten dürfen. In mir steckt ein Hypochonder. Ich habe Schnupfen und mir tagelang eingebildet, ich hätte Corona. Mein Test war negativ. Ich habe also die letzten beiden Tage im ZDF-Studio verbracht. Ich habe Timm Kröger, den Studioleiter, kennengelernt, der mich gleichzeitig desillusioniert und euphorisiert hat. Von dem Gedanken, mit Journalismus viel Geld verdienen zu können, aber vor allem von dem Diskurs über Afrika in den Medien. „Afrika ist kein Land“, sagt er, als wir im Garten des Studios sitzen. „Wie kann man über Afrika diskutieren, wenn man noch nie hier war?“ Er fragt, welches Thema ich gerne recherchieren würde. Ich hatte von einem Wasserfilter-Projekt im Slum gehört, das ich vorschlage. Timm lacht. „Davon gibt es tausende“, sagt er. Wir sprechen über Entwicklungshilfe. Während des Gesprächs fühle ich mich schlecht, als weiße, westeuropäische Frau zwei Monate nach Kenia zu kommen und mir einzubilden, ich verstünde die Strukturen, könnte den Menschen hier vielleicht helfen, ich privilegiertes Ding. „Ich glaube was mit Afrika passiert entscheidet, was mit der Welt passiert. Afrika ist der einzige Kontinent, der sich noch entwickeln kann.“ Ich starre Timm an und schäme mich für meine Idee mit den Wasserfiltern. Ich lerne, dass hinter Ambitionen immer Intentionen stecken. Dass Hilfe immer Hilfe zur Selbsthilfe sein muss, und dass die westliche Kultur nicht die einzig Richtige ist. Theoretisch wusste ich das alles schon vorher. Mir ist die Kolonialismus-Vergangenheit bekannt, ich studiere Internationale Beziehungen im Master, ich kenne das Prinzip des White Saviorism und des Othering – des Abgrenzens und Schlechtmachens einer Kultur, die nicht die Eigene ist. Und trotzdem habe ich das Wasserfilter-Beispiel gebracht. Ich spüre, dass es einen Unterschied macht, ob man vor Ort ist, oder ob man in Deutschland über all das spricht. Theorie braucht Praxis. Es macht einen Unterschied, ob ich die voll gestopfen Busse sehe, die sich jeden Morgen durch die Straßen Nairobis quetschen, die Millionen Menschen, die von der Hand in den Mund leben. Es macht einen Unterschied, ob ich die gleiche Luft rieche wie sie, die gleichen Früchte esse, den gleichen roten Sand unter meinen Füßen spüre. Aus diesem Grund fällt es mir auch so schwer, über meine Eindrücke zu schreiben. Ich kenne viele Hintergründe nicht, dafür meinen eigenen umso besser. Ich kann beschreiben, was ich sehe, es wird immer vor dem Hintergrund dessen sein, was ich kenne. Ich nehme die Straßen hier nur als kaputt war, weil ich die deutsche Infrastruktur kenne. Was würde ich denken, käme ich beispielsweise aus Calabrien, Süditalien, oder aus dem brasilianischen Jungle? 

Erzähl doch mal, wie ist es so?

Aus diesen Gründen möchte ich mich nicht auf die Dinge konzentrieren, die das festgefahrene Stereotype Bild Afrikas untermauern. Natürlich haben die Menschen hier eine dunklere Haut. Deshalb muss ich sie aber nicht fotografieren. Ich möchte mich nicht auf Äußerlichkeiten beschränken, ich möchte über das Gefühl schreiben, dass ich empfinde, wenn ich mich hier bewege. Es ist Freiheit. Das mag verrückt klingen, umgibt mich doch ein 2 Meter hoher Zaun mit Stacheldraht, es ist aber so. Ich empfinde Freiheit, weil es keinen Druck gibt, die Menschen haben Zeit. Gestern saß ich mit meinem Kollegen in der Sonne. Er hat mich gefragt, wie ich morgens zur Arbeit komme. „Ich laufe“, habe ich geantwortet. Und du? „Ich laufe“, sagte er. Ich habe aus Interesse gefragt, wie lang denn der Weg sei, empfinde ich meine 3 Kilometer bereits als lang. „20 Kilometer“, sagte er, ohne sein Gesicht zu verziehen. „And you know what, I love it.“ Mein Kollege läuft also jeden Tag 20 Kilometer zur Arbeit hin, 20 wieder zurück. „Why are you doing this“, fragte meine deutsche Effizienz. Wie kann man so viel Zeit verschwenden? „Because I have time“, sagte er. Und in diesem Moment fällt mir auf, dass ich nie welche habe. Er hat drei Kinder, ich habe keine, er hat Zeit 40 Kilometer zu spazieren und mich stressen schon 6, ich habe viel weniger Verantwortung, aber mein Druck lässt sie ins Unendliche wachsen. Ich erzähle ihm davon. Er grinst. „Kenia will serve you“, sagt er und ich mache länger Pause, als mein Arbeitseifer erlaubt.

Vor zwei Tagen hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Ich lief von der Arbeit nach Hause, vorbei an all den kleinen Holzhütten und Ständen, die alles verkaufen: Bettgestelle und Tontöpfe, Schmuck und Pflanzen, Tische und Hühner. Ich laufe also an diesen Ständen vorbei, während sich BodaBodas an mir vorbeischlängeln. Mir tippt jemand auf die Schulter. Die eingepflanzte Angst denkt sie wird ausgeraubt. Ich drehe mich also vorsichtig um, ein lächelnder Kenianer steht hinter mir. Er fragt mich, warum ich so renne und ob alles in Ordnung sei. Ich schaue ihn fragend an, er fängt an zu lachen, ich lache mit und laufe ein bisschen langsamer weiter. Wenn man nie Zeit hat, dann verpasst man alles, auf das man sich irgendwann einmal gefreut hat. Ich lerne also gerade, dass wir immer so viel Zeit haben, wie wir uns nehmen. Ich beobachte mich dabei, wie ich die Farben noch intensiver wahrnehme, ich schaue mir die Menschen an, die mich alle freundlich grüßen. Ich fühle mich sicher und sehr willkommen. Ich bin die einzige Weiße, in einer Welt, in der den falschen Farben viel zu viel Bedeutung zugesprochen wird.

Erzähl doch mal, wie ist es so?

Heute Morgen war ich mit E. und D. in Kayole. Wir haben 40 Essenstüten eingepackt. Nach 10 Minuten Fahrt habe ich die Umgebung kaum noch wiedererkannt. Die Autos wurden mehr, dafür klappriger. Auf die Straße gesellten sich nicht nur BodaBodas, auch Menschen mit Sattelkarren und hunderte MiniBusse, aus dessen Fenstern Gesichter im Fahrtwind ruhten. Eine zweispurige Fahrbahn hat hier drei Spuren. Wir fahren permanent schräg und im Dreck, mehrmals halte ich mir die Hand vor den Mund, weil ich sicher bin, dass wir umgefahren werden. Geisterfahrer gibt es in Kenia nicht, weil alle Geisterfahrer sind. „We call it survival of the fittest“, sagt E., der das Auto fährt, und ich lache etwas panisch. An den Straßenecken die Stände, die ich aus unserem Viertel kenne, in hundertfacher Ausführung. Friseurstühle stehen neben Billardtischen, stehen neben LKW-Teilen, stehen neben Schuhen, stehen neben Ziegen, stehen neben Menschen, die auf Busse warten. Die Frauen tragen lange Kleider und Kinder auf ihrem Rücken, die Männer sehen alle alterslos aus, manche pfeifen, wenn ich ihnen durch mein heruntergekurbeltes Fenster in die Augen schaue. „Hier solltest du nicht alleine langlaufen“, sagt D. und ich frage mich, ob wirklich etwas passieren würde. Wir kommen also in Kayole an. Es ist ein sehr armes Viertel. Unzählige Menschen leben hier in Wellblechhütten, in unfertigen Zementblocks, ohne Dächer und ohne Fenster, mit Treppen, die ins Nichts führen. Es gibt viele Fernseher und wenig Corona-Schutzmaßnahmen. Wenn du keine 2 Meter Platz hast, wie sollst du dann Sicherheitsabstand halten? Die Kinder sind in der Überzahl, die Menschen haben viel Zeit und wenig Verhütungsmittel, ich frage mich, ob sie nicht wollen oder nicht können oder einfach unwissend sind. Ich ertappe mich dabei, wie ich die Kinder fotografieren will – früher wollte ich immer ein Schoko-Baby haben – das ist rassistisch. Während wir uns durch den Slum bewegen, werde ich mit meinem eigenen Rassismus konfrontiert. Ich sage immer wieder „Ohh“ oder „ahh“, wenn ich Kinder sehe, die ich als süß einstufe und ich bin aufgeregt. Aufgeregt vor lauter Armut – wenn es eine perverse Art des Tourismus gibt, dann ist es diese. D. erklärt mir, dass einige Slums viel Geld damit verdienen, westeuropäische Menschen durchzuschleusen. Warum schauen wir uns so gerne das Leid anderer Menschen an? Mich lässt die Frage nicht los, als wir auf dem Dach der Zementlaube von E. stehen, einem Lehrer. Er verdient umgerechnet 100 Euro im Monat, 40 gehen für die Miete drauf, er hat viele Kinder und viele Freunde – wie viel kostet eine Touristentour durch den Slum? Wir schleppen die Essenstüten in den vierten Stock – immer, wenn die Wohnungsnot groß ist, wird noch ein Stock auf den unfertigen Stock draufgesetzt. E. bittet uns nach drinnen, in dem einen der beiden Zimmer steht eine Sofa-Garnitur, ein kleiner Tisch, ein Fernseher. Seine Frau stellt uns eine Schüssel zum Händewaschen hin, es gibt Chai und Fladen. „Ich will das nicht wegessen“, sage ich zu D., während ich an meinen vollen Kühlschrank zu Hause denke. „Die sind beleidigt, wenn du das nicht isst.“ Also esse ich, bedanke mich mehrmals und schwimme in der Scham meiner Privilegien. Es wird gebetet, ich soll auch etwas sagen. Wir scherzen herum, ich trinke den Chai nicht, weil ich laktoseintolerant bin, was würde ich tun, wenn ich ins Land komme, in dem Milch und Honig fließt, sagt einer der Männer auf dem Sofa. Dann hoffe ich, es ist Hafermilch antworte ich, und wir lachen. Die Stimmung ist ausgelassen, die Leute wirken sehr zufrieden. Wir hatten nicht geplant zu bleiben, aber tun es jetzt doch. Wir haben nämlich Zeit. Als wir uns verabschieden frage ich, ob ich ein Foto machen darf. Sie freuen sich darüber, ich soll zu Hause zeigen, wie es hier wirklich aussieht.

„Findest du es okay, dass ich mitgefahren bin?“ D. und ich sitzen wieder im Auto. „Ich finde man sollte sich immer bewusst sein, was es auf der Welt alles gibt. Das ist eben auch eine Realität.“ Ich gehe einkaufen, nachdem ich zu Hause meine Klamotten gewechselt habe. Mir fällt jeden Tag auf, dass ich nichts zum Anziehen dabeihabe, all meine bauchfreien Tops und kurzen Hosen sind hier nicht angebracht. Ich möchte keine Touristin sein, die eine Slum-Tour bucht. Ich möchte verstehen, warum die Menschen in Slums leben, warum es überhaupt Slums gibt, und ob die Menschen es dort tatsächlich so schlimm finden, wie wir immer denken, dass es ist. Ich möchte nicht über, sondern mit den Menschen sprechen und ich möchte lernen, was es bedeutet, Kenianer*in zu sein. 

Erzähl doch mal, wie ist es so?

Es ist ganz anders, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.
More money more problems sagt das Graffitti am Rande Kayoles. 

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