Ich saß in der Küche der WG meiner besten Freundin in Berlin, Prenzlauer Berg. Es war Sommer, die warme Luft in Weißwein getunkt, die Stimmung ausgelassen, Corona wie verschwunden. Neben mir saß ein Kerl, Mitte 20, ein sehr schöner Mann. Dunkle Haare, dunkle Augen, groß, Bart, sportlich, ein richtiger Kerl, würde das Männlichkeits-Narrativ jauchzen, ein Kerl, der jede haben könnte, eine Aussage ohne viel Inhalt mit viel Auswirkung. Ich beobachtete diesen Mann, während er seine Wein trank, lächelte. Seine kurze Sporthose rutschte ein bisschen hoch, als er seine Sitzposition veränderte, auf seinem Oberschenkel erkannte ich ein großes Tattoo. „Boy’s don’t cry“, unübersehbar und riesig, auf dem Oberschenkel eines ‚richtigen Mannes.‘ „Was heißt das“, sage ich sofort, obwohl ich mir der Bedeutung sehr bewusst bin. Ich spreche Englisch und Sarkasmus. „Das ist relativ klar, oder?“ Ich nicke, er lächelt, „ich weine gerne“, fügt er hinzu, und ich habe selten so einen schönen Menschen gesehen. 

Das toxische Korsett von Männlichkeit 

Seit diesem Tag geht der Satz nicht mehr aus meinem Kopf. Mit ihm hat sich ein gesamtes Konstrukt in mein Gehirn gesetzt, über das ich nachdenke. Warum wird es von vielen als so viel komischer empfunden, wenn zwei Männer intim miteinander sind, als wenn sie sich prügeln? Warum werden Männer eher angeschaut, wenn sie in der Bahn weinen, als Frauen? Warum müssen Männer stark und Frauen in Abgrenzung deshalb schwach sein? Warum hat in der Beziehung einer ‚die Hosen an‘ – und wer sagt überhaupt, dass Kerle immer Hosen tragen? Für dieses Gedankenkonstrukt gibt es eine Hülle. Sie nennt sich toxische Männlichkeit. Toxische Maskulinität wird häufig falsch verstanden, deshalb werde ich das Konstrukt kurz erklären. Es ist kein Angriff auf Männer, es ist kein Auswuchs von Hardcore-Feminismus und Männerhass. Es ist ein Angebot der Diskursverschiebung, eine Einladung, für die Selbstentfaltung, eine Anerkennung der männlichen Emotionalität. 

Ein Exkurs zu Sex und Gender

Toxische Maskulinität bezieht sich vor allem auf heterosexuelle cis-Männer. Cis bedeutet, dass die Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das einer Person bei der Geburt zugeordnet wurde. Das heißt, Männer, die als Männer geboren wurden, fühlen sich auch so. Weil das nicht immer so ist, gibt es die Unterscheidung zwischen Sex, als das biologische Geschlecht, und Gender, als das soziale Geschlecht. In der feministischen Theorie wird davon ausgegangen, dass Gender eine Konstruktion ist, eine soziale Entwicklung – wir werden nicht als Männer oder Frauen geboren, wir werden dazu gemacht, um es sehr einfach auszudrücken. Durch Interaktion und Sprache, Sozialisation und Umfeld, und die ständige Reproduktion des eigenen Ichs, was durch das Geschlecht geprägt ist, wird eben dieses gefestigt. Das fängt bei rosa-blauer Kindererziehung an und hört leider nicht bei „Indianer kennen keinen Schmerz“ und „kleinen Prinzessinnen“ auf. Das Konstrukt der toxischen Maskulinität fokussiert sich auf diese festgefahrene Rolle des Mannes, auf Stereotype und Narrative, auf Stigma und Schablonen, in die viele Männer gar nicht reinpassen, aber das Gefühl haben, so sein zu müssen – denn so sind Männer eben: stark, wild, rational. Angstfrei, sexualisiert, psychisch gesund, muskulös. Viele dieser zugeschriebenen Eigenschaften sind so stark, dass sie andere Eigenschaften ausgrenzen. Männern wird Emotionalität abgesprochen, Schwäche, Ruhe, Sensibilität. Popkultur, Werbung und Gesellschaft stützen diese Männlichkeits-Strukturen, Kerle zwängen sich hinein. Identitätsfindung ist ein schwerer Prozess. Diskurse entstehen im Untergrund, werden unterbewusst weitergetragen und reproduziert, vielleicht haben wir uns selbst schon einmal dabei beobachtet, wie wir zu einem Jungen gesagt haben, „richtige Männer kennen keinen Schmerz“, oder „Sei kein Mädchen.“ Dieses Verhalten ist nicht nur für den Jungen gefährlich, der sich in Zukunft wohl noch weiter von seiner Emotionalität abkapseln wird, sondern auch für uns als Gesellschaft. Das steife Männerbild konstruiert ein ebenso steifes Frauenbild, die Geschlechter stehen sich hier bipolar und in vollkommener Abgrenzung gegenüber, ein rosa-blauer Frontenkrieg, in dem niemand so sein kann, wie er oder sie wirklich ist.

Feminismus für alle 

„Sollen sich jetzt alle Jungs die Fingernägel anmalen und keinen Sport mehr machen?“ Ich höre oft diese provokanten Aussagen, wenn ich über Feminismus diskutiere. Dabei finde ich es traurig, dass Feminismus häufig im Schein der Alice-Schwarzer Attitüde schwebt. Feminismus ist nicht gegen Männer – Feminismus ist für Alle. Das Gegen-Konstrukt der toxischen Maskulinität will Männlichkeit nicht abschaffen oder verbieten, sondern öffnen. Männlichkeit ist das, was Männer daraus machen. Männlichkeit ist nicht nur Muskeln und keinen Bock auf Kindererziehung, Männlichkeit kann alles sein. Männer dürfen weinen, Männer sollen sogar weinen, weil das Leben viel reicher ist, wenn man integrativ mit sich und seinen Gefühlen umgeht. Männer dürfen Schwäche zeigen, und wir als Gesellschaft dürfen den Diskurs über Schwäche neu denken. Es ist an der Zeit, Schablonen wegzulegen und Erwartungen abzubauen. Wenn wir uns über Gender Pay Gap und Ehegattensplitting beschweren, dann geht das nicht, ohne über stigmatisierte Rollenbilder nachzudenken. Die Werkstatt, in der Ideale fabriziert werden, stinkt, und wir dürfen mutig sein, sie endlich zu überwinden. Das ist nicht leicht und wird dauern, Entwicklung ist eine Schnecke, wenn sie die Kultur betrifft. Wir können aber anfangen, unser eigenes Verhalten zu reflektieren und uns bewusst und immer wieder zu fragen, warum wir handeln, wie wir handeln, und von wem unser Denken geprägt und inspiriert ist. Sprache ist dabei ein wichtiges Mittel, weil Sprache nicht nur Realität konstruiert, sondern Narrative trägt, Diskurse stützt, sie aber auch stürzen kann. Wenn die Welt ein besserer Ort werden soll, dann braucht sie Menschen, die nicht mit sich selbst im Krieg stehen, die sich frei entfalten und ihr Potential teilen können. Wir sind ganzheitliche Wesen und ich bin überzeugt, dass rosa-blaue Charakterzüge in jedem von uns wohnen. Und grüne, gelbe, blaue, schwarze, und auch weiße. 

Vielleicht sollte ich mir „Girls Masturbate Too“ auf den Oberschenkel tätowieren lassen, denke ich in diesem Moment, und frage mich, was der Typ aus der Küche dazu sagen würde. Vielleicht sollte er sich das tätowieren, auf den anderen Oberschenkel, und vielleicht brauchen wir irgendwann keine Tattoos mehr, weil Ironie zu Selbstverständlichkeit geworden ist. Vielleicht, vielleicht. 

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