Der Verein „Aktion Not wenden“ soll als privater Katastrophen-Fond das akute Leid in Äthiopien lindern. Der kürzlich ausgebrochene Bürgerkrieg, Überschwemmungen und die Heuschreckenplage haben das ostafrikanische Land in eine tiefe Krise gestürzt. Wirtschaftsethnologin Ramona Gresch, Gründerin des Vereins, erklärt die aktuelle Situation. Und warum Äthiopien uns viel näher ist, als wir denken. 

„Ein wunderschönes Land“, sagt Ramona Gresch und erzählt von einem Leben nach dem Stand der Sonne, vom Weckruf der Tiere, von glücklichen Frauen und glücklichen Männern. Von Kindern, die mittlerweile lesen, schreiben und rechnen können. „Wir haben so viel erreicht, aber dann kam der Klimawandel und plötzlich hat sich alles verändert.“ Ihre Stimme klingt erschöpft – als hätte die Frau schon ein bisschen zu oft über die aktuelle Katastrophe in Äthiopien gesprochen. Ramona Gresch, promovierte Wirtschaftsethnologin, gründete in diesem Herbst den Verein „Aktion Not wenden“, „eine Herzenssache, weil ich weiß, wie schlimm es vor Ort ist“, sagt die dreifache Großmutter, die das ostafrikanische Land vor über 20 Jahren zum ersten Mal besuchte. Äthiopien ist über 8000 Kilometer von Süddeutschland, wo Ramona Gresch lebt, entfernt. Geografie und Emotionalität sind ineinander verwoben, wenn es um das Verhältnis von Distanz und Nähe geht. Leid, das wir nicht sehen, existiert in unserer Realität oft nur verschwommen. Das ist gefährlich und im Fall Äthiopiens aktuell tödlich. Was passiert gerade in dem ostafrikanischen Land, das als „Land des Kaffees“ und „Dach Afrikas“ gilt? 

Ein Überblick

Äthiopien machte vor allem im vergangenen Jahr positive Schlagzeilen in den westlichen Medien. Premierminister Abiy Ahmed erhielt 2019 den Friedensnobelpreis, weil er das autoritäre Regime ablöste, politische Gefangene freiließ, die Pressefreiheit auf die Agenda rückte und die Versöhnung mit dem Nachbarland Eritrea erreichte. Er sprach von Weltkultur und Freiheit. Heute hört sich das anders an. In dem 110 Millionen Einwohner Land Äthiopien gibt es über 80 verschiedene ethnische Völker. In den vergangenen Jahrzehnten waren die Machtstrukturen klar verteilt - ein ethnischer Föderalismus herrschte.  Seit dem Machtwechsel und Äthiopiens demokratischer Transformation fühlt sich vor allem das Volk Tigray unterrepräsentiert und klagt über einen Machtverlust. Es klagt so laut, dass Abiy Anfang November die lokale Regierung entmachtete. Seit wenigen Wochen führt der Premierminister nun im Norden des Landes einen Bürgerkrieg. Dabei scheint er nicht für, sondern vor allem gegen einen Teil seines Landes zu agieren. Äthiopien spaltet sich, die Bevölkerung verliert das Vertrauen in ihre Regierung, während tausende Menschen ihr zu Hause verlieren. Tigray und die nördliche Afar-Region sind von Märkten, Internet und einer Stromversorgung abgeschnitten, die Wasserversorgung ist schlecht, das Cholera-Risiko hoch, die Lebensmittel sind knapp und teuer, die Nachfrage viel höher als das Angebot. Der Markt zerbricht und die Ärmsten leiden am Meisten. 

Die Heuschrecken und die Flut

„Weißt du wie viele Menschen gerade auf der Flucht sind?“ Ich höre Ramonas Wut und ihren Schmerz. „Es ist nicht nur der Bürgerkrieg“, sagt sie. „Es sind die Überschwemmungen und die Heuschrecken, eine Katstrophe folgt auf die Nächste.“ Sie spricht über den Klimawandel. Während wir in Deutschland über Wetterextreme klagen, wenn der November besonders mild ist, fressen Wetterextreme in Äthiopien die Lebensgrundlage hunderttausender Menschen. In diesem Sommer waren die Regenfälle so ausgeprägt und heftig, dass sämtliche Flüsse in der Afar-Region überliefen und viele Dörfer überschwemmten. Laut dem Verein „Welthungerhilfe“ sind aktuell 300.000 Menschen obdachlos. Die Krisenspirale Äthiopiens dreht sich nicht nur um den Bürgerkrieg und die Überschwemmungen. Auch die Heuschreckenplage, die sich in diesem Sommer wie ein nicht zu löschender Waldbrand fast flächendeckend über ganz Ostafrika legte, hat Langzeitfolgen. Die Verwüstung ist groß, die Lebensgrundlage von Landwirten und Viehzüchtern zum Großteil zerstört: Weil die Heuschrecken die Felder leer gefressen haben, gingen die Nutztiere leer aus. Sie vergifteten sich, an den Exkrementen der Heuschrecken oder starben an Unterernährung. Täglich verlieren Menschen ihre Lebensgrundlage, Lebensmittel werden teurer, der Hunger wächst, und währenddessen fallen immer noch Heuschrecken über die Dächer der Hütten her und verunreinigen das Trinkwasser. 

Und dann auch noch Corona 

Katastrophen immunisieren nicht gegen andere Katastrophen. Auch in Äthiopien verbreitet sich die Corona-Pandemie. Bis ein Impfstoff in Entwicklungsländern angekommen sein wird, wird es dauern. Gegen Obdachlosigkeit und Unterernährung kann nicht geimpft werden. Die Ärmsten dieser Welt haben sich nicht ausgesucht die Ärmsten zu sein, Geflüchtete würden auch lieber zu Hause bleiben, Identitäten sterben, zwischen zerstörten Lebensgrundlagen und Hunger, und die Welt ist gespalten, zwischen Menschen, die sich über Corona-Schutz-Regelungen beschweren und jenen, für die Corona das Kleinste aller Übel ist.

Das Leben ist nicht fair - das lernen wir alle früh und meistens bitter. Die Auslegung von Fairness ist aber sehr dehnbar. Wenn wir helfen können, die Welt ein bisschen gerechter zu machen, dann sollten wir das tun. Das ist wohl unsere moralische Pflicht, die der Privilegien-Schatz, eine*r Europäer*in zu sein, mit sich bringt. Äthiopien ist weit entfernt, unser Nenner mit den Menschen dort möglicherweise kaum messbar. Wir können uns nicht identifizieren und bleiben emotional deshalb fern. In einer globalisierten Welt funktioniert das ab einem bestimmten Punkt aber nicht mehr. Wenn wir den Kaffee aus Äthiopien trinken, dann dürfen wir uns auch über den bitteren Geschmack des Lebens dort Gedanken machen.

Ein Katastrophenplan, den wir alle mittragen 

„Es muss einen Weg geben, Geld für Nothilfe möglichst schnell und unbürokratisch bereitzustellen“, sagt Ramona. Deshalb die Gründung des Vereins. „Aktion Not wenden“, sagt sie. „Das muss möglich sein.“ Der Verein ist speziell als Fond für akute Katastrophenhilfe gedacht und arbeitet eng mit dem äthiopischen Verein APDA (Afar Pastoralist Development Association) zusammen, den ihre Freundin Valerie Browning vor mehr als 30 Jahren gegründet hat. Browning ist Krankenschwester und Hebamme, kam vor vielen Jahrzehnten aus Australien nach Äthiopien, verliebte sich, und blieb. „Wir sind im engen Kontakt, ich weiß, dass jeder Cent genau dort ankommt, wo er gebraucht wird“, sagt Ramona. Aktuell konzentrieren sie sich auf die Versorgung von Schwangeren, Stillenden und Kleinkinder und auf eine großflächige hygienische Versorgung. „Es ist wichtig, dass die Menschen so schnell wie möglich einen Zugang zu Nothilfe haben. Ohne lange Anträge.“ Ramona ist Vollblut-Aktivistin. Sie arbeitet aktuell an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen in der Öffentlichkeitsarbeit. Sie wirkt, als mache sie das gerne. Aber irgendetwas scheint zu fehlen. Ich frage sie, ob sie plant, noch einmal nach Äthiopien zu reisen. „Wenn Corona nicht gekommen wäre, dann stünde ich kurz vor der Abreise“, sagt sie mit weicher Stimme. Der Verein ist ein Trost und eine aktive Art, die Ohnmacht und Hilflosigkeit zu bekämpfen. Er rückt die Not Äthiopiens auf die westliche Agenda und unterstreicht die Dringlichkeit der Hilfe. 

Weihnachten ist eine Zeit der Charity-Aktionen. Nächstenliebe kann so vielfältig verteilt werden – da verteilt man sie manches Mal lieber gar nicht – bei all den Vereinen könnte man sich falsch entscheiden. Und man weiß ja nie, ob das Geld wirklich ankommt. Wir sind gut darin, unser Gewissen zu bereinigen. Wir müssen Not aber nicht wegschieben! Wir sind stark genug, hinzuschauen, aktiv zu werden, und unser Bewusstsein für die Not dieser Welt zu schärfen. Dafür sind wir denkende Menschen.

Auf dieses Konto kann gespendet werden

Kreissparkasse Tübingen
Empfänger: Aktion Not wenden
IBAN: DE81 6415 0020 0004 468057
BIC: SOLADES1TUB 

Bildquelle: Francesca Noemi Marconi (https://unsplash.com/photos/UXXrL_6CzFw)

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