Es ist Ende Mai. Bevor wir uns richtig im Corona-Alltag einrichten konnten, ist dieser auch schon wieder weitestgehend beendet – Lockerungsmaßnahmen statt Neuinfektionen, so scheint es, und über den abgesagten Sommerurlaub wird nun doch wieder debattiert. Die weltweite allgemeine Reisewarnung soll laut Außenministerkollektiv am 14. Juni wohl nicht verlängert werden, Südeuropa stellt sich auf Tourismus ein. Epizentren verschieben sich. Brasilien ist das neue Italien und in Afrika ist das Virus immer noch nicht richtig angekommen. Europa mag unter seiner FFP-2 Maske aufatmen, weltweit sieht das leider ganz anders aus. Vor allem in Entwicklungsländern und Flüchtlingslagern ist das Coronavirus Zündstoff für Krisen, die sich im Untergrund abspielen. Die deutsche Wirtschaft muss gerettet werden, so der allgemeine politische Tonus. Das stimmt. Aber Deutschland darf dabei eine Mission nicht aus den Augen verlieren, die sich das Land als wirtschaftlich starke Industrienation und vor allem als Demokratie selbst auferlegt hat.

Mehr Corona, weniger Flüchtling

Am 29. Februar 2020 hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Grenzen zu Griechenland geöffnet und damit den EU-Türkei-Deal gebrochen. Tausende Geflüchtete haben sich daraufhin auf den Weg in die Ägäis gemacht. An der Grenze kam es zu Ausschreitungen, der Spiegel berichtete über Polizeigewalt. Hilfsorganisationen wurden angegriffen und Warenlager, wie beispielsweise das Kleiderlager der Hilfsorganisation STELP e.V auf Chios wurden zerstört. Griechenland ist in diesem Frühjahr zum Sinnbild einer gescheiterten europäischen Flüchtlingspolitik geworden. Die Lage auf den griechischen Inseln Samos, Lesbos, Leros, Chios und Kos ist dramatisch, auch wenn sich die Situation an der Grenze mittlerweile etwas entspannt hat (was vor allem an den Ausgangsbeschränkungen im Zuge der Coronapandemie liegt). Auf den griechischen Inseln leben knapp 40.000 geflüchtete Menschen, davon rund 14.000 Kinder, in sporadisch errichteten Zeltlagern unter unmenschlichen Bedingungen.

Das „Camp Moria“ wird medial häufig als Exempel zur Veranschaulichung verwendet. Um Berichte in Zukunft besser zu verstehen wird sich auch dieser Text an Moria orientieren und Basiswissen beisteuern. Das Camp Moria ist hierbei kein strukturelles Einzelschicksal, sondern ein Sinnbild für die katastrophalen Bedingungen in sämtlichen Ländern – auch außerhalb Europas.

Früher war es ein Militärgefängnis, heute ist es ein Flüchtlingslager im Landesinneren der ostägäischen Insel Lesbos. Das Camp Moria wurde im Jahr 2015 für bis zu 3000 Geflüchtete errichtet, heute leben dort knapp 20.000 Menschen. Der Radiosender Deutsche Welle und der Fernsehsender ARTE berichteten kürzlich von bis zu 24.000. Der demografische Wandel vollzieht sich hier andersherum, knapp 40 Prozent der Geflüchteten sind Kinder. Die Vorstellungskraft ist zum Schutz der psychischen Gesundheit begrenzt: Wir KÖNNEN uns das Elend vor Ort nicht vorstellen: Wie es riecht, wenn sich Tausende Menschen eine Toilette teilen. Wie schwer die Beine sind, wenn man stundenlang in einer Schlange steht, um Essensmarken zu bekommen. Wie sehr die Haut juckt, wenn sich Milben sämig in ihr vermehren. Wie es ist, wenn Zähne beim Essen ausfallen, weil die persönliche Hygiene nicht möglich ist. Und wie schambehaftet, anstrengend, unangenehm und schmerzhaft es ist, chronisch Durchfall zu haben, aber kein Toilettenpapier. Und keine Toilette. Menschen fliehen nicht freiwillig. Menschen werden zur Flucht gezwungen. Flüchtlinge sind keine Masse von gesichtslosen Eindringlingen. Das sind Menschen, wie wir, Väter, Mütter, Ärzte, Lehrerinnen, Goldschmiede, Jungs und Mädchen. Was sie von uns unterscheidet ist lediglich der Ort, an dem sie geboren wurden. Niemand hat sich ausgesucht, auf dieser Welt zu sein. Jeder hat es verdient, in Frieden zu leben.

Der obligatorische Tropfen auf dem heißen Stein

Das Coronavirus wirkt wie Kanonenfutter im Schützengraben der Menschlichkeit. Obwohl die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen bereits im April eine Evakuierung von Camp Moria angeordnet hat, sitzen Tausende Menschen immer noch fest. Seit dem 23. März 2020 liegt auch über Camp Moria eine Ausgangssperre – zur Bekämpfung des Virus. Das ist so absurd wie verrückt: Wie sollen sich Menschen vor einer durch Schmier- und Tröpfcheninfektion übertragbaren Krankheit schützen, wenn nicht einmal die Möglichkeit besteht, die Hände zu waschen? Viele NGO’s und Helfende mussten auf Grund der Pandemie das Camp verlassen, die Menschen sind auf sich gestellt. Aus Hilflosigkeit haben sie Mitte April einen Brief an die Europäische Union, die Regierungen der Mitgliedstaaten und die Europäische Öffentlichkeit verfasst. Der Tagesspiegel hat diesen Brief am 17.04.2020 komplett, die Tagesschau in Teilen veröffentlicht. Ansonsten ist er medial untergegangen.

„Jede Empfehlung, wie man die Ausbreitung von Corona vermeidet, klingt illusionär für uns: Wie sollen wir Abstand halten, wenn Tausende jeden Tag auf Nahrung warten müssen? Wie sollen wir unsere Hände waschen, wenn kein Wasser zur Verfügung ist? Wie können wir Kranke isolieren, wenn dafür kein Platz ist? (…) Wir fordern Europa auf, die Alten, Kranken und Verwundeten sofort zu evakuieren, weil es hier keinen Schutz für sie gibt. Dazu gehören auch unbegleitete oder kranke Kinder mit ihren Familien.“

Wenige Hundert sind seitdem auf das griechische Festland gebracht worden. Acht Mitgliedstaaten der Europäischen Union, darunter auch Deutschland, hatten sich außerdem geeinigt, 1600 unbegleitete Flüchtlingskinder aufzunehmen. Deutschland (300 Kinder geplant), wolle sich, so Innenminister Horst Seehofer, vor allem auf Mädchen unter 14 Jahren konzentrieren. Junge Männer aufzunehmen sei ein falsches Signal – es würde andere junge Männer motivieren, ebenfalls zu flüchten (Spiegel Nr.20/20 S.47). Horst, hast du Kinder? WELCHES MÄDCHEN UNTER 14 JAHREN ÜBERLEBT EINE FLUCHT GANZ ALLEINE? Junge Männer aufzunehmen ist nur dann ein Trigger, wenn man möchte, dass es ein Trigger ist. Perspektive kann manipulativ genutzt werden. Die ersten geflüchteten Kinder wurden Mitte April von den griechischen Inseln geholt. 47. Siebenundvierzig Kinder, die im Durchschnitt 13 Jahre alt sind. 47. Ein toller Anfang, mag man meinen. Eine Katastrophe, wenn man die Relationen betrachtet:

Politischer Wille ist national begrenzt

Die Bundesregierung hat mehr als 200.000 Urlauber via Rückholprogramm des Auswärtigen Amtes innerhalb weniger Tage zurück nach Deutschland gebracht, als Corona weltweit die Grenzen schloss und den Flugverkehr lahmlegte. Damit die Ernte in diesem Jahr nicht bedroht ist, sollen außerdem rund 40.000 Erntehelfende aus dem Balkan nach Deutschland eingeflogen werden. Warum ist es so selbstverständlich, EU-Bürger in einer Krisensituation zu retten, während das gesamte Leben von Geflüchteten eine Krise ist? Warum wird das als Kollateralschaden von Weltpolitik hingenommen? So einfach ist das nicht, höre ich Horst sagen. Das mag sein, Horst. Aber es kann nicht sein, dass Flüchtlinge vergessen und ihrem eigenen Schicksal überlassen werden. Das widerspricht den Menschenrechten! Das widerspricht dem Selbstverständnis eines jeden Landes, das Mitglied der Vereinten Nationen ist und im Jahr 1951 die Genfer Flüchtlingskonvention unterschrieben hat!

„Wir brauchen deshalb Hilfe, um uns weiter selbst helfen zu können. Wir sind bereit, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um uns alle vor der anhaltenden Gefahr des Coronavirus zu schützen. Wir sind in Europa, und wir brauchen Europa, um zu überleben!“

In Griechenland ist die Ausgangssperre seit dem 4. Mai aufgehoben. Das wirtschaftlich sowieso schon angeschlagene Land bereitet sich trotz Pandemie auf den Sommertourismus vor. Die rechtskonservative Regierung hat die Asylgesetzgebung zuletzt für einen Monat außer Kraft gesetzt. Flüchtlingslager sind zu Orten dauerhafter Vorläufigkeit geworden. Menschen richten sich in einem Elend ein, das es zu überwinden NÖTIG ist! Flüchtlingslager sind keine Dauerlösung. Unter den Zeltplanen liegt die Würde des Menschen im Matsch begraben. 47 ist eine Zumutung, kein Grund für selbstdarstellerische Politinszenierung!

Das Coronavirus zeigt deutlich, wie viel Sprengstoff in politischem Willen steckt und wie dehnbar das Maß an Möglichkeiten ist. Wie viel plötzlich geht, weil es muss, und wie schnell sich festgefahrene Strukturen auflösen können, wenn das Gift eines Virus sie unterwandert. Deutschland kann den Forderungen nicht alleine gerecht werden. Der Wunsch nach einem starken Europa ist nicht nur sicherheitspolitischer und handelsökonomischer Natur. Auch wenn die Coronakrise in einem Großteil der Europäische Union als vorerst überwunden gilt, die Flüchtlingskrise ist es nicht. Seit Jahren nicht. Ich wünsche mir, dass die Macht der Möglichkeiten sich nicht als nationalistische Prämisse bis zum nächsten Virus im Katastrophenschutzzentrum versteckt, sondern auch dort genutzt wird, wo es brennt. Krisenherde sind nicht an Landesgrenzen gebunden! Ich wünsche mir, dass das Flüchtlingsproblem endlich so adressiert wird, wie die Menschen es verdient haben. Ich wünsche mir, dass das Grundgesetz und die internationale Erklärung der Menschenrechte ganzheitlich betrachtet werden und endlich alle Menschen einschließt. Alle hört nicht beim Übernächsten auf! Ich will, dass sich ENDLICH etwas ändert!

#FREEMORIA #LEAVENOONEBEHIND

 

Dieser Text ist außerdem in dem Online-Magazin F1rst Life erschienen: https://www.firstlife.de/

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