Jana schaut mich an. Wir sitzen in einem Restaurant in Cesme, es regnet draußen und es ist kalt. Es tut gut, das Dorf für einen Moment verlassen zu können, wir sind erschöpft von den letzten Tagen. „Tut mir leid, wenn ich anfange zu weinen“, sagt sie und lacht ihre Tränen weg. Jana kommt aus Victoria, Canada. Sie hat blonde Haare, von ihrer Regenjacke perlen Tropfen. Jana nippt an ihrem Cappucino, später habe ich Bauchschmerzen, sagt sie, wir teilen unsere Laktoseintoleranz. Jana und ich kennen uns erst ein paar Wochen, es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Wir reflektieren die vergangenen Tage und grinsen, weil uns die Fortschritte, die die Kids machen, so sehr berühren. Wir essen türkische Schokoladencroissants, von außen sehen wir wohl aus, wie zwei Freundinnen, die gemeinsam Kaffee trinken. Das sind wir auch, alles fühlt sich leicht an mit Jana, gleichzeitig teilen wir eine Welt, die so schwer ist, dass wir sie kaum halten können. Jana klappt ihr Tagebuch auf. Sie liest mir vor, ich habe Gänsehaut. Es ist unmöglich, über etwas anderes zu reden, als das, was wir gerade erleben. Wir müssen darüber reden, wir müssen uns gegenseitig helfen, all das zu verarbeiten. Ich bin so froh, dass du hier bist, sage ich und lecke Schokolade von meinen Mundwinkeln. Jana sollte eigentlich im Libanon sein, in diesem Moment. Ihr Gepäck war schon eingecheckt und fast auf dem Weg nach Beirut. Dann bekommt sie einen Anruf: unvorhersehbare Unruhen, Straßenproteste, Gewalt. Die kanadische Botschaft ist nicht erreichbar. Jana ist gefangen, im Flughafen von Athen. Ihre kanadische Staatsbürgerschaft zwingt sie, den Schengenraum zu verlassen, sie hat lange in Griechenland gearbeitet, ihr Visum läuft aus. Sie schläft am Flughafen, die Situation im Libanon entspannt sich nicht, später wird sie erfahren, dass die kanadische Botschaft ihre Arbeit vorübergehend eingestellt hat, die Sicherheitslage ist besorgniserregend. Jana fliegt nach Albanien, überlegt, was sie tun soll. Jana ist 22 Jahre alt. Zwei Tage später holen Nina und ich sie vom Busbahnhof in Cesme ab. Ich möchte über eine junge Frau berichten, die mich fasziniert und inspiriert. Die letzten Wochen hat sie das Bild von einer Welt gezeichnet, die ich in diesem Ausmaß noch nicht kennengelernt habe. Ich fange langsam an zu verstehen, welches Ausmaß Flucht hat. Jana hat mehrere Wochen auf der griechischen Insel Samos gearbeitet. Sie hat mir ihre Tagebucheinträge zur Verfügung gestellt. Ich möchte diese teilen, weil nichts einen besseren Einblick gewährt, als pure, ungefilterte Emotionen. Ich habe Gänsehaut beim Schreiben und Tränen in den Augen. Die folgenden Absätze sind Teile eines Tagebuchs, das eine Form des Elends erlebt hat, die außerhalb westeuropäischer Vorstellungskraft liegt. Die Einträge sind auf Englisch. Ich habe bewusst auf Übersetzungen verzichtet, um die Authentizität nicht anzugreifen.

Vorab: Auf den griechischen Inseln Samos, Lesbos, Leros, Chios und Kos leben aktuell circa 34.000 Geflüchtete, so viele wie noch nie, seitdem der EU-Türkei-Flüchtlingspakt im März 2016 in Kraft getreten ist. Die anhaltenden Unruhen auf Grund der Militäroffensive in Nordsyrien werden die Situation in Zukunft wohl verschärfen. Täglich kommen neue Menschen an, die Schutz suchen. Das Camp auf Samos bietet Platz für 650 Menschen. Aktuell leben knapp 6000 dort. Am 14. Oktober bricht ein Feuer aus. Afghanen und Araber sind aneinandergeraten, die Spannungen im Camp sind unerträglich, Bevölkerungsgruppen, die sich bekriegen, müssen gemeinsam auf engstem Raum wohnen. Dann geht alles ganz schnell. Das Camp muss evakuiert werden, die Polizei setzt Tränengas ein, Menschen verlieren ihre Zelte und damit alles was sie haben. Jana ist 22 Jahre alt. Und mittendrin.

Samos, Greece, October, 15th

„I am sitting on the stairs of the basement at Alpha. Alpha is the closest community center for asylum seekers to the camp. Just down the hill. I look over at a mother, daughter, and granddaughter. The granddaughter is suffering from a fever and all I could do to help is offer a cold cloth. To the right is a pregnant mom and her son and daughter. I carried her little one down the stairs and when I tried to lay her down to rest on the yoga mat (their beds for the night) her arms tightened around my neck as if she didn’t want to let go. They are accompanied by a younger family member - perhaps the mom’s sister. There is a mom and her two daughters on the couch. Another mom, two daughters, granddaughter, and great grandmother lie next to them. And finally a mother, her sister, and two children. Her littlest was in absolute tears from itchy discomfort - all I could do was offer them a cold towel to try and relieve the itch.

I am sitting here. Watching these poor mothers and their babes try to sleep, without their husbands, without their “home”. Men are outside sleeping on the cold hard ground because their wives and children are inside sleeping.

I walked around the Alpha center offering grandmothers, moms, and children food. They were so grateful. I witnessed one mom scarfing down apples while her children slept. She must have been so hungry.

I feel helpless. The situation feels hopeless.

I wasn’t scheduled to come in tonight as the coordinators were worried about my cold. I said I am available to assist - please tell me what to do. I wouldn’t be able to rest thinking of all these people. Perhaps this was selfish but I needed to be busy.

Yesterday still feels like a movie. I remember the first rush of adrenaline felt oddly like excitement. It was confusing to be faced with that feeling during the most traumatic experience of my life. That was soon replaced with sadness and guilt. Being white walking around with my volunteer badge. Being the one making sure others were okay and helping them find shelter, not the other way around.

The first family I came across, in the pitch black of powerless Samos, was 2 twins I teach and their entire extended family sitting on bench at the port. I heard “Jana, Jana”. I saw them - we gave hugs and made sure they knew where they could go. I felt useless. We continued to walk ... going to a couple organizations to see if we were needed and updated each as we went. Our eyes continuously watering from tear gas. Directing people along the way. Frightened parents caring their children unsure of where to go. Single men asking where they could sleep and having no good answer for them. We spend the night trying to settle panicked people. We sheltered as many moms and babes as we could. I heard of coordinators treating tear gas burns with milk. Around 2am people started getting word the camp had reopened after the evacuation. Many women started picking up their babies and children and headed back to the camp. Some chose to stay here. Others, however, would soon discover their tents and shelters had been burnt to the ground.

Arabs and Afghans are sleeping in separate rooms, for the second night in a row, because tensions are so high. Africans, who suffered the most structural lost, are stuck in the middle of a conflict that they have no affiliation with. They are sleeping in the main room of the center. Alpha, our community center, had to close early today due to the escalating tensions among the men and the rampant word of continued threats and rioting.

Our world is a messed up place. I wonder why the beneficiaries are so kind to me. Isn’t it my fault you’re here. My country’s fault? My continent’s fault? My Western identities fault?

I feel hopeless tonight. It is 12:40 am - I am sitting outside two rooms. One full of Afghanistan women and children and the other Arab women and their children. They are sleeping on yoga mats. Some without blankets. Others making due with the ‘tin foil’ emergency blankets that crumple every time the person under them shifts.

I hear snoring. A fan blowing. People shuffling downstairs. The odd baby cough.

I can’t say what tomorrow will bring. I desperately hope for more peace. These people are already living in horrendous conditions. Now, many have lost the very little they have. I want to hug everyone I meet. I want to promise them everything will be okay. But I cannot promise anything I don’t believe to be true. It was Canadian Thanksgiving yesterday when this disaster erupted. Many Canadians acknowledging that they are grateful for their family, friends, and homes. I, however, could only think of these asylum seekers - many who have either lost, or are separated from, their family and friends and have no safe place to call “home” and as of yesterday, no place to even just call home — never mind somewhere safe.

 

Ich habe so viele Fragen, während ich Janas Tagebuch lese. Ich habe Angst, zu weit zu gehen. Zu viel zu fragen, Wunden zu öffnen, die Zeit und Verdrängung geschlossen haben. Jana schüttelt den Kopf. Ich muss darüber reden und du musst das aufschreiben, sagt sie. Ich verdränge manchmal, wie traumatisiert ich bin. Ich spüre wie groß ihr Wunsch ist, dass ihre Erfahrung geteilt wird. Es sind nicht nur Jana und ich, die darüber reden müssen. Wir sind alle betroffen. Verdrängung mag für einen Moment funktionieren, je nach geografischer Lage, politischer Bildung und Umfeld auch einen sehr langen Moment, aber das ist der einfache Weg. Ich wünsche mir so sehr, dass Janas Worte gehört und weitergetragen werden. Damit können wir all den Menschen wenigstens ein bisschen Würde zurückgeben, weil wir sie hören, in ihrer stummen Blase des Leids.

Jana und ich reden über den Alltag im Camp. Sie erzählt mir von Menschenschlangen, die stundenlang auf Essen warten. Jeden Tag, mehrmals. Über Menschen am Ende der Schlange, die leer ausgehen. Sie erzählt von Kindern mit schwarzen Zähnen und Müttern, die selbst noch Kinder sind, all diese Bilder kenne ich von hier. Jana hat sich eine Zeit lang um die Wäscherei des Camps gekümmert. Menschen mit roten Plastiktüten haben Vorrang, sagt sie, als wäre sie noch immer dort. Die roten Tüten kommen aus dem Medizin-Zelt, lerne ich. Menschen, die sehr krank sind dürfen aus Hygienegründen ihre Wäsche sofort waschen, Menschen mit Krätze ebenfalls. Sofort heißt auf Samos innerhalb weniger Tage. Für 6000 Menschen gibt es fünf Waschmaschinen. 70 Wäschen schaffe man an einem Tag, sagt Jana. Wenn man kein Notfall ist, dann ist man alle drei Monate an der Reihe. Das ist ganz schön lang, wenn man nur das hat, was man am Körper trägt. Hattest du keine Angst krank zu werden? Sie lacht. Irgendwann schaltest du das ab. Du hast keine Angst zu haben, sonst gehst du daran kaputt, dir Sorgen zu machen. Fast alle Menschen dort haben Läuse und Bettwanzen, sehr viele Krätze. Es ist unmöglich, einen solchen Ort komplett davon zu befreien, jeden Tag kommen neue Menschen mit neuen Krankheiten. Sobald ich in mein Zimmer gekommen bin, habe ich alles, was ich am Körper getragen habe, in eine Plastiktüte gestopft und zugeknotet. Dann habe ich heiß geduscht und Haare gewaschen und Lavendelöl aufgetragen, um die Läuse fernzuhalten. Hast du jemals irgendetwas bekommen? Sie schüttelt den Kopf, dann fängt sie an zu lachen, Erleichterung und Absurdität, retrospektive Fassungslosigkeit und Ohnmacht wechseln sich ab. „But I don’t know how, I honestly don’t know how.“ Wir schauen uns in die Augen. Danke, dass du das alles mit mir teilst, sage ich. Sie nickt. Dann reden wir über unser Studium, wir brauchen eine Pause.

Folgend möchte ich einen weiteren Eintrag teilen, der mich sehr berührt hat. Janas Gedanken sind wo wichtig und so wertvoll. Mit einigen kann ich mich identifizieren, weil ich sie von hier ebenfalls kenne. Andere erschrecken mich, manche machen mir Angst, jeder einzelne führt mir wieder und wieder und wieder vor Augen, wie katastrophal die Situation ist und wie unmöglich, wegzuschauen.

 

Samos, Greece, September, 7th

There is this girl. She has not missed any of my classes. She shows up on time and is attentive through to the end. She knows most, if not all of the new words I teach. She comes to class with her aunt. She translates for her aunt. She is from Syria. She is 17.

She should not be in my class, I think she chooses mine because it is her aunts level. Yesterday I asked her if she’d like work to take back to the camp. She seemed so happy. Today once everyone else left the class I explained the work – I feel good that she has something to do this weekend.

Her and her aunt sit in the women’s space for hours on end after class. I wonder where her mother is. I wonder what their situation in the camp is. I know they are in a tent. How big is their tent? I know she wears the same clothes every day. I know her favourite food is pizza. How long has she been here?

I think of her often – her particually sweet smile and her round glasses.

I think of how unfair it is that she isn’t getting excited for college. She won’t get to live up to her fullest potential. Rather, she is literally stuck. Stuck in a basement that for two hours a day is converted into a classroom where children run around and disturb the lesson. Where another class is happening at the same time – our voices competting.

I know she is surrounded by adults. The 5 other women in our class are married. Most of them have children. They all speak Farci – unlike her and her aunties native language of Arabic. I know her teenage years were nothing like mine. I know it is so unfair.

I don’t pray, but I beg that she and all the girls just like her make it off this island. Are given some opportunities that they SO desperatly deserve.

I want to do more for her. I simply cannot. When I think of her I feel sad. I feel oddly attached in one short week. I feel pissed off at the state of the world.

Selfishly I wonder what she thinks of me. Do I make her day just a little bit better? Or does it remind her that a girl similiar in age has so many more opportunities simply because of where we were born. I feel sad. I want to avoid these thoughts of what will happen.

It just isn’t right. It isn’t fair. She is smart. She is a lovely human being who just doesn’t deserve to be in a camp. She deserves to be living in Europe. Free from confinement. Free to learn. All of the women deserve that. So do the children. So do the men.

Today I had to explain to a lady why we couldn’t wash her clothing. She had her 2 little baby boys with her. She was in tears. She was just trying to care for her children like any mother would. It felt dehumanizing.

Today was a hard day. Tomorrow will be hard too. I have to hold onto the moments of beauty in the chaos. Otherwise this will all be too much. It almost already is.

 

Es fällt mir schwer, diesen Text abzuschließen. Es ist eine unendliche Geschichte. Ich wünsche mir, dass Jana gehört wird, weil Samos durch sie eine Stimme bekommt.

Eigentlich wollte ich einen Text über die Lage bei uns im Dorf schreiben. Es ist viel passiert in den letzten Tagen, ich bin an meine Grenzen gekommen, wir alle sind das, und wir haben wahnsinnig viel gelernt. Sobald ich Zeit und Raum finde werde ich die Geschichte von Hamsa erzählen, der gestern alleine aufgestanden und losgelaufen ist, von Elif, die gelernt hat auf Toilette zu gehen, von Hajar, dem Sandwich-Kind und von Fatima, einer jungen Mutter mit vier behinderten Kindern, die nächste Woche tausende Kilometer durch die Türkei reisen muss, um an den Ort ihrer Registrierung zurückzukommen, um ihr fünftes Kind zu gebären. Einen Mann gibt es nicht. Uns allen fehlen die Worte. 

Foto credits: Samos Volunteers

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