Türkei, Izmir. Während ich das schreibe sitze ich neben meinem Rucksack, der vollgestopft ist mit Dingen, die ich denke zu brauchen, um in der Türkei zu überwintern. Ich bin sehr deutsch, als ich 'Omas-Wollsocken' und Ibuprofen von meiner To-pack-Liste streiche. Mein Rucksack wiegt 10 Kilo, ich denke an all die Menschen, die ungewollt zu Geflüchteten wurden, und jeden Tag werden, die mit Nichts in der Türkei ankommen, deren Leben eine ungemütliche Reise ins Ungewisse ist. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, sein zu Hause verlassen zu müssen, und die Menschen die man liebt, um zu überleben. Ich kann mir nicht vorstellen, alles was ich besitze am Körper zu tragen, ich kann mir nicht vorstellen, dass Reisen Zwang ist und dass es keinen Ort gibt, an den ich zurückkehren kann. Für unbestimmte Zeit ist ganz schön lang. 

Folgend möchte ich einen Text publizieren, der ursprünglich als Spendenkampagne gedacht war. Den Limk zu der Kampagne findet ihr am Ende des Eintrags. 


Liebe Menschen,

seit ein paar Tagen ist die Türkei in den Nachrichten wieder sehr präsent. Die Militäroffensive in Nordsyrien wird viel diskutiert und mit Berufung auf das Völkerrecht vor allem von Stimmen aus der Gesellschaft verurteilt (Initiative #wirallesagennein). Bilder der Zerstörung gehen viral, die Diskussion um Waffenexporte und die Bedeutung der NATO ist neu entfacht. Wir diskutieren, während wir in unserem gemütlichen Eigenheim sitzen und überlegen, was wir noch einkaufen müssen – was wir noch einkaufen dürfen, in der Grenzstadt Ras al-Ain, Syrien, sind Supermärkte Trümmerhaufen, hier geht niemand mehr shoppen, viele Menschen sind begraben, unter Schutt und ehemaligen Konservendosen. Andere sind auf der Flucht. Über 6 Millionen Menschen aus Syrien haben in den letzten Jahren ihr Land verlassen müssen, laut Konrad-Adenauer-Stiftung leben in der Türkei über 3 Millionen Geflüchtete. Viele von ihnen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus unter katastrophalen Bedingungen. Kriege sind so zerstörerisch, wie für uns Europäer*innen fern, dass es schnell passiert, dass der Krieg sein Gesicht verliert. Krieg mag politische Hintergründe haben, es sind Zivilist*innen wie wir, die unter den Folgen leiden.

Ich möchte nicht mehr die Nachrichten lesen, und mich von dem Gefühl der Ohnmacht erschlagen lassen. Ich möchte nicht mehr Mitleid spüren, dieses Mitleid, dass körperlich schmerzt, und meinen Alltag leben, als würde es Syrien nicht geben, und Grenzen und Kriegstote. Ich möchte mich nicht mehr hinter der Entschuldigung, „ich weiß, dass ich privilegiert bin“, verstecken. Ich möchte aktiv sein und helfen, weil ich davon überzeugt bin, dass Veränderung ein Haus aus Millionen Steinen ist, die wir alle sind.

Ab Mitte Oktober werde ich deshalb für vier Monate mit dem Verein "STELP e.V." nach Cesme an die türkische Westküste gehen. Stelp arbeitet mit dem Verein İmece İnisiyatifi Çeşme zusammen - die ehrenamtlichen Helfer engagieren sich seit drei Jahren für Bedürftige. Ich werde in einem Dorf leben, das sich auf den besonderen Schutz von geflüchteten Frauen und Kindern spezialisiert hat und versucht, ein wenig Alltag und Lebensfreude in die graue Realität Flucht zu bringen. Es geht nicht nur um Medikamenten- und Lebensmittelversorgung, im Dorf dürfen Kinder für ein paar Tage wieder Kinder sein und sich von den wochenlangen Strapazen erholen. Auf der Flucht wird nicht gespielt, oder Englisch gelernt, für sexuelle Aufklärung gesorgt oder Yoga praktiziert, für Essen im Sitzen ist keine Zeit. Im Dorf geht das, im Dorf können die Menschen durchatmen und spüren, dass die Welt nicht überall ein schlechter Ort ist. Leider können nicht ansatzweise alle Menschen aufgenommen werden. In hunderten inoffiziellen Zeltstädten rund um Cesme warten Geflüchtete darauf, dass sie weiterreisen können oder versuchen, sich ein Leben aufzubauen. Sie erfahren keine Hilfe von der türkischen Regierung. Deshalb werden die Camps regelmäßig von dem Verein aufgesucht, um das größte Leid zu lindern und die Menschen bestmöglich zu versorgen. 

Strom und Wasser sind Mangelware, wetterfeste Kleidung und Hygieneartikel ebenfalls. Es ist logisch, dass sich vor allem im Winter Krankheiten sehr schnell ausbreiten. Die Versorgung der Menschen mit Grundnahrungsmitteln, Hygieneartikeln und ähnlichem ist deshalb oberste Priorität. Pro Freiwillige*r wird ein Budget von 3.500€ - 5000€ eingeplant, um all das zu gewährleisten. Klingt viel, ist es aber nicht, wenn man bedenkt, wie viele hunderte Menschen damit über den Winter kommen können. Es mag pathetisch klingen, aber jeder Euro kann ein Leben retten. Lasst uns das bedenken, beim nächsten Kauf der gefütterten Winterschuhe oder einem Glühwein für vier Euro.

Es ist klar, dass ich für meine Reisekosten und alles was sonst noch anfällt, selbst aufkomme – die Spenden finanzieren NICHT meine Person, sondern werden sich in der Türkei in Schlafsäcken und Kinderschuhen und Brot und Tabletten gegen Durchfall wiederfinden. Jeder gespendete Euro kommt dort an, wo er am dringendsten gebraucht wird. Ich habe mich im Vorhinein sehr viel mit STELP e.V. beschäftigt und schätze die klare, effiziente Transparenz des Vereins. Alle Ausgaben werden, unter Vorlage von Belegen, abgerechnet und der Verein erklärt sich als gemeinnützige Organisation vor dem Finanzamt.

Auf meinem Blog werde ich langfristig und regelmäßig über meine Erfahrungen berichten. Während ich mich im Vorhinein für Unterstützung bedanken möchte, denke ich über Menschenrechte nach. An dieser Stelle möchte ich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, unterzeichnet von den Mitgliedern der Vereinten Nationen (das die Türkei übrigens auch ist), zitieren.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Solidarität begegnen.“

Lasst uns endlich eine Welt gestalten, in der alle Menschen gleich sind!
Lasst uns nicht wegschauen,
lasst uns aktiv sein,
wir werden gebraucht. 

Meine Oma ist am Telefon. "Hast du keine Angst?" Ich schüttele den Kopf. "Du bist viel zu sensibel", sagt sie und ich höre ihren vorwurfsvollen Unterton. Sei doch nicht so unvernünftig. Ich habe noch nie etwas Vernünftigeres gemacht, Oma. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet, mein neugieriger Respekt hilft mir, offen zu sein für eine Lebensrealität, die ich nur und verschoben aus den Medien kenne. Ich weiß nicht, wie eine Zeltstadt aussieht, ob es Strom gibt, oder Wasser, ich hatte noch nie ein geflüchtetes Kind auf dem Arm und ich habe noch nie Menschen versorgt, die tagelang auf dem Mittelmeer unterwegs waren. Ich kann kein Türkisch und ich weiß, dass der Winter sehr ungemütlich werden wird. Aber ich weiß auch, dass sich noch nie etwas so Richtig angefühlt hat. 

https://www.betterplace.org/de/projects/73577-humanitare-hilfsaktion-fur-die-vergessenen-fluchtlinge-in-der-turkei

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