„To Brazil“. Wir sitzen unter Olivenbäumen, Adam hebt sein Einmachglas als erstes. „To Brazil“, wiederholen wir und stoßen mit selbstgemachtem Karottensaft an. Später wird mir Michael erklären, dass jeden Tag auf ein anderes Land angestoßen wird. „All countries deserve to be valued and heard“, sagt er mit seinem italienischen Akzent und grinst. Wir liegen in den Hängematten, die zwischen die Bäume gespannt sind und hören nichts, außer die sanfte Harmonie purer Natur.

Komposttoiletten und Kommunismus

Während ich das schreibe sitze ich auf einer selbstgebauten Bank, die in den Bäumen hängt. Ich schaue auf Heu und eine Wasserstelle, die fast ausgetrocknet ist. Ein Windspiel klingt in der heißen Luft, es ist Nachmittag, es sind fast 40 Grad, Dacia repariert ein Fahrrad, in diesem Moment springt ein Huhn auf den Platz neben mich. Das ist also mein Leben, für die nächsten Wochen: Zwischen Hühnern und Katzen und Hunden und Eseln und Schafen und wundervollen Menschen aus der ganzen Welt die Natur zu spüren, wie ich sie noch nie vorher gespürt habe. Ich bin im Süden Portugals, in der Nähe von Aljezur. Quinta Alma ist ein magischer Ort, geschaffen von Joanna und Mario, einem portugiesischen Paar, die der lauten Großstadtenergie entkommen sind und teilen wollen, was die Erde zu bieten hat, ohne Industrie. Es riecht nach entradikalisierter Anarchie und Kommunismus. Wir sind 10 Freiwillige und knapp 20 Gäste. Wir wohnen in Zelten und alten Wohnwagen, die Gäste schlafen in Tipis. „It’s all about inspiration and energy“, sagt Joana, während sie portugiesische Fischsuppe zubereitet. Ein Huhn hat sich in die Küche verirrt. Ich imitiere das Gackern, Pilar bellt. Am Anfang war Quinta Alma nur eine Idee, erwachsen aus der ungefilterten Liebe zur ursprünglichen Natur. Heute stehen hier 8 Tipis, die mehreren Familien einen Einblick in diese Lebensrealität ermöglichen. Die Freiwilligen bleiben so lange sie möchten. Lucia kommt aus Holland. Sie ist seit über einem halben Jahr hier. „We’ve had some princesses here, they leave after a day“, sagt sie und mustert mich. Als ich gestern angekommen bin, mit meinem Bagpack, der mindestens so schwer ist wie ich, mit meiner Fashion-Sonnenbrille und Lipgloss kam ich mir auch eher vor wie eine Prinzessin. Ein Prinzessinnenmantel, denke ich. Joanna führt mich herum. Die Erde ist trocken. So trocken, dass sich schon nach wenigen Minuten ein Staubfilm über meine gesamte Haut gelegt hat. Ich kann den Staub schmecken, wenn ich mit der Zunge über die Lippen fahre. In den letzten zwei Monaten hat es einmal geregnet, sagt Chris. Wir müssen vorsichtig sein mit dem Wasser. Die Wassertanks sind fast leer, Joanna bittet mich nur zu duschen, wenn es wirklich nötig ist. „Two times a week“, sagt sie, ich nicke. Warmes Wasser haben wir nicht. Ich denke an den deutschen Sommer. An Menschen, die zwei Mal täglich duschen und ihre Autos waschen, an bis zum Plastikrand gefüllte riesige Planschbecken und Wasserhähne, die beim Zähneputzen nicht geschlossen werden. An defekte Toilettenspülungen und Gartensprenckler. Wir Freiwillige teilen uns zwei Komposttoiletten. Anstatt Wasser werden Sägespähne benutzt. „Once you are done, just put it in there“, sagt Joanna. Ich weiß. Komposttoiletten sind das Ding auf Festivals. Ich muss grinsen. Ich fühle mich zurückversetzt in den Festivalsommer, wenn ich die Toilette benutze. Nur ohne Glitzer im Gesicht und Alkohol im Blut. Zwischen den Wohnwagen befindet sich ein Wasseranschluss. Ein Waschbecken steht mitten im Nichts, wir können Hände waschen und Zähne putzen. Spiegel gibt es hier nicht.

Zeitlos

Und was machst du den ganzen Tag, höre ich meine Mutter fragen. Werde ich jeden Tag neu herausfinden, Mama. Der Plan hier ist zu Sein. Alles ist langsamer. Es ist zu heiß, um Stress zu spüren und wir sind zu sehr abgeschnitten von der Zivilisation, um den Zwang von To-Dos zu spüren. Eigentlich wollte ich in die Stadt gehen heute. Ein Weg sind 5 Kilometer. Ich bin gestern in einen Splitter getreten und kann nicht laufen. Adam desinfiziert meinen Fuß, Michael bringt mir Wasser. Vielleicht versuche ich es morgen nochmal. Wir sind in verschiedene Teams eingeteilt. Michael und ich kümmern uns um das Frühstück. Wir stehen auf, bevor die Sonne aufgeht, putzen den „Food-Temple“, ein offenes aus Holz errichtetes Häuschen, eine riesige Holzterrasse, in dem die Gäste essen. Wir pflücken Granatäpfel, waschen Früchte, decken die Tische ein. Wir holen Wasser und Brot und Eier von den Hühnern, kochen Kaffee und Tee. Es läuft portugiesische Musik, Michael bewegt sich im Takt, „what a life“, sagt er. Ich nicke und bin sehr langsam in allem was ich tue, weil ich es immernoch nicht fassen kann hier zu sein. Um 8:30 Uhr kommen die ersten Gäste. „Tent 8 is at breakfast“, flüstere ich in einen Walkie Talkie. Das Cleaning-Team macht sich bereit. Während ich den Gästen das Frühstücksbuffet erkläre, werden die Zelte geputzt. Ein kleiner Junge lacht mich an. Wir setzen uns zusammen an den Kindertisch, er redet auf portugiesisch, ich antworte Englisch, dann Spanisch, wir verstehen uns nicht, während wir uns nicht besser verstehen könnten, er quietscht, während er mit Kreide meine Nase bemalt. „Can we have more orange juice?“ Zelt 10 lächelt mich an, ich presse Orangen. Ich presse mehr Orangen. Das ist, was ich mache, Mama. Orangen pressen und mich mit Kreide bemalen lassen. Nach dem Frühstück putzen wir die Küche. Michael lacht, als ich frage, ob es eine Spülmaschine gibt. Ich lerne, so wassersparend wie möglich Geschirr zu waschen. Michael ist seit zwei Monaten hier, jeder Teller hat eine andere Farbe. Ich lerne die Farben auf Portugiesisch. „Tomorrow we do the names of the fruits“, sagt er, während wir den Müll wegbringen. Es ist 13 Uhr. Meine Schicht ist zu Ende. Ob ich surfen kann, fragt Mario. Ich nicke. „You can hitchhike to the beach“, sagt er. Manchmal würden ein paar Kilometer entfernt Autos vorbeikommen. Wie oft „every now and then“ ist, werde ich wohl die nächsten Tage herausfinden.

 „Do you wanna come?“ Chris beißt in einen Apfel. Ich nicke, obwohl ich nicht einmal weiß wohin. „Take a towl“, sagt er. Wir laufen am Kompost vorbei, wir laufen mitten durch die Wildnis, ich habe das Gefühl in der Wüste zu sein. Wir laufen einen kleinen Hügel hoch, bevor ich mich ärgern kann, dass ich kein Wasser mitgenommen habe, sehe ich unser Ziel. Ein See liegt leise und verborgen im Tal unter uns. „Let’s have a shower“, sagt er und wir klettern über Steine und Äste Richtung Wasser. „Take care of the snakes“, sagt er, da steht mir das Wasser schon bis zum Bauch. Das Gefühl von Wasser auf dem Körper ist so viel intensiver, wenn man damit gerechnet hat, es tagelang nicht zu spüren. Ich atme tief ein und Energie strömt durch meinen Körper. Ich fühle mich, als hätte ich in eine Steckdose gefasst, als ich untertauche. Ich beobachte Chris. Er taucht nach Matsch und fängt an, sich die Haare einzureiben. Mein Shampoo passt normalerweise immer zu meiner Spülung und zu meiner Kur. Ich bin sehr wählerisch, was meine Haarpflege angeht. Er sieht mich zögern und lacht. „Try it.“ 10 Minuten später liege ich am Ufer, mein ganzer Körper ist von Schlamm bedeckt, ich kann ihn auf den Wimpern spüren und riechen, ich schmecke den Schlamm. Er trocknet schnell in der Mittagshitze. Wir waschen uns den Schlamm vom Körper, meine Haut jauchzt vor lauter Freude. Das fühlt sich so echt an und gleichzeitig so normal, als hätte ich mich niemals anders gewaschen. Wann haben Menschen angefangen sich Silikone und Parabene in die Haare zu schmieren und teure Bodylotions zu benutzen? Als ich mein Handtuch zurückbringe habe ich den Impuls, mich mit Wasser abzuduschen. Geht nicht. Twice a week. Ich rieche noch ein bisschen nach See. Das ist wohl mein neuster Duft. Ich tausche Gucci Flower gegen Lake-Mud. Ich trotte hinter Chris her und greife instinktiv auch nach einem Heuballen. Er ist so schwer, dass ich Probleme habe Schritt zu halten. Ich kann nichts sehen, ich versuche dem Geräusch seiner Schritte und seinen Fußspuren zu folgen. Wir öffnen ein Gatter, ich stehe barfuß und in Bikini auf einer Weide, um mich herum zwei Esel und unzählbar viele Schafe. Ich stehe in Eselkot, es macht mir nichts aus. Wir füttern und striegeln die Esel. Die Schafe sind weicher als jede Wolle, die ich bisher angefasst habe. Ich bilde mir ein spüren zu können, wie glücklich die Tiere sind.

Ich muss meine Sachen waschen. Ich habe keine saubere Unterwäsche mehr. Ich traue mich auf Grund der Wasserknappheit kaum zu fragen. Lucia zeigt mir eine Wanne und den Seifenraum. Hier wird nur Reinigungsmittel verwendet, das biologisch abbaubar ist. Ich schütte also meinen Wäschesack in die gelbe Wanne, kippe heißes Wasser darüber und laufe Richtung Kompost. Die Sonne brennt, während ich mit den Händen durch meine Klamotten fahre. Adam arbeitet an den Solarzellen, ich winke ihm zu, er nickt. Ich träume vor mich hin. Dann springt ein Huhn in die Wanne, mein Schlüppi zieht einen Faden. Ich verscheuche das Huhn, es beobachtet mich. Ich wringe die Wäsche aus und hänge sie an die Leine, die zwischen Küche und Wohnwagen gespannt ist. Das mache ich den ganzen Tag, Mama. Esel füttern und symbiotisch mit Hühnern meine Wäsche waschen.

Wir sitzen an der Feuerstelle, die nur zum Rauchen benutzt wird und trinken Rotwein. Wir hören nichts, ich nehme das Atmen der Anderen wahr, der Sternenhimmel sieht aus, als hätten sich alle Sterne dieser Welt hierher verirrt. Wir leben ohne externe Lichtquellen. Ich stolpere zu meinem Wohnwagen, es ist sehr steil hier. Ein Ast kratzt mein Bein, hier bin ich wohl gestern in den Splitter getreten, der es mir heute unmöglich macht, in die Stadt zu wandern. Ich krame nach meiner Stirnlampe, mache mich auf den Weg zur Komposttoilette, ich bin meine eigene Lichtquelle. Der Wohnwagen hat keine Tür, neben mir schläft ein italienisches Pärchen. Ich wäre jetzt auch gerne ein Pärchen. Das Leben hier ist krass, im entkonsumistischen Sinn. Zurück zu den Wurzeln, schreibe ich als einzigen Satz in mein Tagebuch. Wenn man nichts hat, hat man nur sich selbst. Ich spüre, dass ich alles um mich herum viel bewusster wahrnehme. Meine Sinne scheinen geschärft, ich rieche Sachen, die ich vorher noch nie gerochen habe und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit schlafe ich, Chrissi, 23, bekennende Akkustik-Neurotikerin, ohne Ohropax ein, der Klang lebendiger Natur ist schöner, als jede Stille dieses Planeten. 

2 Kommentare

Linear

  • Kira  
    Ohne Ohropax, ich bin geflashed!
  • Marley  
    Manchmal braucht's vielleicht ein "zurück zu den Wurzeln" um ohne Ohropax schlafen zu können. Bin sehr stolz auf dich.

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