„Ich habe dir das Buch nicht umsonst gegeben“, sagt Ute und schaut mich an. Ihre blauen Augen strahlen, ihr Blick ist eindringlich. Ich spüre, dass ich meine Leseliste neu priorisieren muss. Ute kommt seit mehr als drei Jahren fast jeden Tag in das Café, in dem ich seit mehr als drei Jahren arbeite. Wahrscheinlich kommt sie schon länger. Vielleicht sollte ich sie mal fragen. Generell weiß ich sehr wenig über sie. Eigentlich nur, dass sie ihren Espresso ohne Keks serviert bekommen möchte und mit einem großen Glas lauwarmen Wasser. Sie ist einer der Menschen, die einen Raum mit Aura füllt und Weisheit ausstrahlt, ohne ein Wort zu sagen. Als ich mich von meinem Freund getrennt habe und aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen bin, hat sie mir eine Tasse geschenkt. „Weil ein warmer Tee und ein gutes Buch gebrochene Herzen heilt.“ Kurz vor Weihnachten, ich erinnere mich an die graue Kälte und den vorweihnachtlich-selbstgemachten Stress, kam sie mit einem Buch und angenehmer Ruhe ins Café. Danke Ute. Du scheinst eine gute Beobachtungsgabe zu haben und mich besser zu kennen, als ich dachte, dass es Menschen möglich ist, die mich nur in der Rolle der Kellnerin kennen.

Die Wand.

Ich möchte keine Buchrezension schreiben. In wenigen Sekunden kann man etliche googeln. Wahrscheinlich gibt es sogar einen Wikipedia-Artikel, der die Lust auf das Lesen in rationaler Selbstreferentialität erstickt und das Buch so uninteressant wie möglich widergibt. Jede*r liest etwas anderes aus jedem der auf dem Erdball unendlich existierenden Bücher, weil wir uns alle an verschiedenen Punkten auf unserem Weg, in verschiedenen Lebenssituationen und in unterschiedlichen Beziehungsgeflechten befinden. Mich hat das Buch so sehr bewegt, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu lesen. Das passiert selten, zu meinem Glück immer öfter. Nach meiner Kindheit als einsamer Bücherwurm hatte ich im Strudel des Lebens das Lesen verlernt. Mich auf eine Sache zu konzentrieren fällt mir immer noch schwer. Beim Frühstücken höre ich einen Podcast, beim Lernen höre ich Musik, dazwischen summt der alltägliche Geräuschpegel der Großstadt. Meistens schreit er. Die Vorstellung, sich in eine fremde Welt zu begeben, sich fallenzulassen in ein unbekanntes Ganzes, erschien mir viele Monate als romantisch-verklärte Zeitverschwendung. Warum sollte ich ein Buch lesen, wenn ich Netflix schauen, dabei chatten und gleichzeitig essen kann? Außerdem sind meine Augen abends müde, von verschmierten Handydisplays und kryptischen Unitexten. Danke Ute, dass du mich zurückgeholt hast, in die Welt der Bücher, die gleichzeitig eine Welt der unverkennbaren Ruhe ist und für mich ein Stück Glück bedeutet.

Ich merke, dass ich im nacherzählenden Sinne doch ein wenig ausholen muss, um intersubjektiv nachvollziehbar zu bleiben. Ich hole immer zu weit aus. Generell besteht mein Leben aus vielen ‚zu viels‘. Deshalb werde ich den Klappentext in Kurzform rezitieren. Der Teil kann übersprungen werden. Ich weiß, wir haben alle so wenig Zeit.

Eine Frau folgt einer Einladung in die Jagdhütte von Freunden. Nach ihrer Ankunft geht das Gastgeber-Ehepaar noch in den benachbarten Ort, kehrt aber nicht, wie verabredet, zurück. In Sorge macht sich die Frau auf den Weg, zu erkunden, wo die beiden geblieben sind. Alles um sie herum ist so, wie es immer war: Das Tal, die Bäume, die Bergwiesen. Doch ehe sie das Dorf erreicht, stößt sie gegen eine unsichtbare, unüberwindliche Wand, jenseits derer Totenstarre herrscht. Abgeschlossen von der übrigen Welt, umgeben von Tieren, richtet sich die Frau aufs Überleben ein, dabei ihr Verhältnis zur Natur und zu sich selbst neu zu bedenken. Sie besinnt sich auf frühere Versäumnisse und auf die Liebe – als die ‚vernünftigste Regung‘, zu der Menschen fähig sind.‘

Die Frau, während der gesamten Erzählung erfährt man ihren Namen nicht, weil er irrelevant ist, und wir alle diese Frau sein könnten, unterhält sich, der Tatsache, dass alle Menschen um sie herum auf mysteriöse Weise gestorben sind, mit niemandem. Das Buch ist eine gedankliche Nachzeichnung ihres Lebens, sie die einzige Protagonistin. Sie lebt mit einem Hund zusammen, Katzen, einer Kuh, die sie Bella nennt. Die Tiere werden nicht nur zu ihrer Familie, sondern auch zu ihrer Lebensaufgabe, zu dem Kern ihrer Existenz. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Tiere zu versorgen. Jeder Mensch braucht eine Aufgabe im Leben. Während ich das schreibe frage ich mich, was meine Aufgabe ist. Es ist berührend und ein wenig schmervoll zu lesen, wie sich die Frau in ihrem neuen Leben einrichtet. Sie ist gefangen, hinter der Wand, im Wald, abgeschnitten von einer toten Zivilisation. Wenn man nichts mehr hat, hat man gleichzeitig alles, weil eine Rückbesinnung ins Innerste stattfinden kann. Unabgelenkt von Kaufhäusern, Klamotten, Kapitalismus. Die Frau wird zur Selbstversorgerin. Sie optimiert ihr Leben, ihr Rhythmus richtet sich nach der Sonne, sie pflanzt Gemüse, schießt Wild, hackt Holz, baut einen Stall für ihre Kuh, trinkt Milch. Industriezucker und Veganismus kennt sie nicht. Sie isst nach Hungergefühl, nicht nach Uhrzeit, sie optimiert nicht ihr Äußeres, sondern ihr Sein. „Ich möchte wissen, wo die Uhrzeit geblieben ist, jetzt, da es keine Menschen gibt. Manchmal fällt mir ein, wie wichtig es einmal war, ja nicht fünf Minuten zu spät zu kommen. Sehr viele Leute schienen ihre Uhr als kleine Götzen zu betrachten (64).“ Ich bin einer dieser Personen und dieses Bewusstsein versetzt mich in ein Gefühl unfreien Unbehagens. Wir sind immerzu im Stress und haben keine Zeit, Zeit zu haben. Dinge, die wir für so wichtig, Termine die wir für unbedingt wahrzunehmen halten, tragen zum Großteil nicht zum Erhalt unserer Existenz bei. Vielleicht wirken sie sogar konträr, ist das Leben doch zum Großteil eine Ablenkung von etwas, das möglicherweise auf uns wartet, hätten wir Zeit, das herauszufinden. „Einer der rennt, kann nicht schauen“ (221). Während des Lesens hatte ich das Gefühl, die Geschichte der zufriedensten Frau der Welt begleiten zu dürfen. Und vor meinen Augen Ute, die mich mit zusammengekniffenen Augen anschaut und sagt: „Du machst zu viel.“

Auch das Verhältnis zu den Tieren ist sehr besonders. Das würde man aber auch in einer Buchrezension lesen und ich habe das Gefühl, es seiner Offensichtlichkeit wegen erwähnen zu müssen. Ich habe meinen Hund, einen schwarzen Border-Collie-Mischling, der in Hessen bei meiner Mama wohnt, während der Rezeption sehr vermisst. Es macht mich wütend, wenn ich daran denke, dass Menschen Tiere halten, weil es Trend ist. Ein hässlicher Trend. Tiere brauchen genauso intensive Zuneigung und ehrliche Liebe, nicht oberflächliche Hingezogenheit, wie Menschen. Es gefällt mir, wie die Frau mit den Tieren umgeht und sie so behandelt, wie es alle Lebewesen behandelt zu werden verdient haben: mit Respekt und Wertschätzung.

Die Erzählung erstreckt sich über einen Zeitraum von zwei Jahren. Während die Frau zu Beginn mit dem Einrichten ihres neuen Lebens beschäftigt ist, setzt sie sich zum Ende immer mehr mit sich selbst auseinander. Ich frage mich gerade, wie das Leben ohne Spiegel wäre und ohne das ständige Gefühl, unbewusst beurteilt zu werden.  „Meinen Tieren war es gleichgültig, in welcher Schale ich steckte, sie liebten mich gewiss nicht wegen meines Aussehens“ (257). Wir haben oft gar keine Zeit, Menschen anders zu beurteilen, weil wir keine Zeit haben, mit ihnen zu reden. Gott sei Dank gibt es Tinder, zum Glück passt sich die Technologie unserer globalisiert-verkommenen Persönlichkeitsstruktur an. Hermann Hesse schreibt im Glasperlenspiel, „habe Zeit für jeden, der Lust hat, mit dir zu plaudern“ (139). Schade, dass wir unsere Zeit so ineffizient nutzen. Ich musste während des Lesens häufig an den von den Medien sprachlich-etablierten Akademisierungswahn denken. Ich ertappe mich selbst dabei, Menschen zwischen 20 und 30 zu fragen, was sie studieren, weil eine Ausbildung über den Grenzen meines homogen-elitären Universitätshorizontes steht. Wir studieren nur, weil wir nicht wissen, was wir sonst mit unserem Leben anfangen sollen: in einer Welt mit unendlichen Möglichkeiten, eine Pracht voll Nichts, für ein verkümmertes Sein. Die Autorin des Romans ist vor fast 100 Jahren geboren. Sie schreibt: „aber ich bin ja auch erst mit vierzig darauf gekommen, dass ich Hände besitze (…) ich hatte nur nie die Gelegenheit, diese natürliche Begabung auszubauen“ (137). Was ist deine Begabung?

Es stimmt mich glücklich und traurig gleichermaßen zu erkennen, dass es allen Menschen so geht. Selbstauseinandersetzung und Selbstreflektion sind anstrengend. Und das Leben ist anstrengend genug. So viele Menschen, mit denen man mal wieder Kaffee trinken gehen möchte und so wenig Zeit. Schade, dass wir nicht alle ab und zu hinter einer Wand leben, umringt von toter Zivilisation. Oder wenigstens toter Technik. Wenn das Leben ein Farbkasten wäre, dann würden die Bilder ein Stück kräftiger strahlen, weil das Malen irgendwie lebendiger wäre. Wir verkennen oft die Schönheit des Augenblickes. Nicht aus bösem Willen oder bewusster Entscheidung, sondern, weil wir abgelenkt sind, oder es einfach verlernt haben. Oder weil es regnet. Wenn wir unsere Umwelt zerstören, sollten wir genug Respekt aufbringen und innehalten, um uns dem Glanz des Lebens, dem wir, extern und intern destruktiv gegenübertreten, bewusst zu werden. „Die Landschaft gewann eine ganz neue Tiefe und Klarheit, und ich wünschte, den ganzen Tag so zu sitzen und zu schauen (119). Was wäre die Welt für ein Ort, wenn jeder Mensch wieder klar sehen wollen würde?

Ich frage mich gerade, ob jemand diesen Text bis hierhin gelesen hat, oder ob sich meine Ausschweifungen unverständlich-langweilig lesen. Es gibt noch so viel mehr zu dem Buch zu sagen. Viel mehr, als ich aus meinem Blickwinkel überhaupt fassen kann. Zum Schluss möchte ich allerdings das Thema ansprechen, was mich hoffnungsvoll und glücklich stimmt und für dessen Erfahrung es keine zwei Jahre einsame Existenz im Wald benötigt.
Liebe.
„Es gibt keine vernünftigere Regung als Liebe. Sie macht dem Liebenden und dem Geliebten das Leben erträglicher. Nur, wir hätten rechtzeitig erkennen sollen, dass sie unsere einzige Hoffnung auf ein besseres Leben ist“ (238). Rechtzeitig kennt keine zeitlich begrenzte Bestimmung, die beste Zeit, um rechtzeitig zu sein, ist jetzt. Liebe ist so verrückt wie unverständlich uns so unbeschreiblich, wie zauberschön, wenn sie echt ist. Die Frau wird von der Liebe zu ihren Tieren und vor allem von der späteren Liebe zu sich selbst durch das Leben getragen und hat damit alles, was sie braucht. Wenn Adorno sagt, dass vollkommenes Glück niemals fassbar ist, dann ist das vielleicht der Zustand bedingungslos-ehrlicher Liebe. Zu sich selbst und auch zu anderen. Es beruhigt mich, dass Liebe nicht käuflich ist und niemals sein wird. Vielleicht können wir alle in der Erfahrung von Liebe den Glanz des Lebens sehen. Oder einen Teil davon, wenn wir uns Zeit nehmen, die Augen zu öffnen.

„Ich glaube die Zeit steht ganz still und ich bewege mich in ihr, manchmal langsam und manchmal mit rasender Schnelligkeit (…) Die Dinge geschehen eben und ich suche, wie Milionen Menschen vor mir, in ihnen einen Sinn, weil meine Eitelkeit nicht gestatten will, zuzugeben, dass der ganze Sinn eines Geschehnisses in ihm selbst liegt.“ (237).   

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