Die UN-Klimakonferenz in Glasgow neigt sich dem Ende entgegen. Es ist die 26. ihrer Art, Kyoto 1997 mag vielen ein Begriff sein, sicherlich auch Paris 2015. Es sind die Konferenzen der großen Worte, weltweit werden Ausschnitte von Reden gezeigt, alle Politiker*innen scheinen sich einig zu sein: So kann das nicht weitergehen. Es wird von allerletzten Chancen gesprochen und dass die Erde brennt. Trotzdem landen auf der schottischen Insel laut dem britischen Nachrichtenmagazin Daily Mail in den vergangenen zwei Wochen mehr als 400 Privatjets. Greta Thunberg ist wütend und Staatsoberhaupte erscheinen wie eine Schulklasse, während sie rücklings Münzen in den Trevi Brunnen werfen. Soll ja Glück bringen.

Glück ist keine Variable der Wissenschaft 

Der Klimagipfel spiegelt wider, was viele Menschen auf der ganzen Welt spüren: Verzweiflung, Handlungsunfähigkeit, Unmut und gleichzeitig die persönliche Unlust, sich ab sofort einzuschränken. Die Grünen mögen im Vergleich zum Frühjahr wohl auch deshalb an Stimmen eingebüßt haben, weil sie vor allem im Bundesland Bayern als ‚Verbotspartei‘ gehandelt werden. Klimaschutz scheint nicht nur für SUV-Fahrer unattraktiv. Umso wichtiger, diese Menschen nicht kategorisch zu verurteilen, und nicht Hass, sondern die Wissenschaft sprechen zu lassen. Der Report des Weltklimarates, der dieses Jahr im August erschienen ist, ist nicht der erste, der die Eindeutigkeit des von Menschen gemachten Klimawandels beschreibt. Es wurde in diesem Jahr ebenfalls klar, dass Deutschland zu wenig dafür tut, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Der Verfassungsbeschwerde, dass das Klimaschutzgesetz mit den Grundrechten unvereinbar ist, wurde im März zugestimmt. Wem das alles zu theoretisch war, durfte im Sommer die praktische Umsetzung erleben – bei der Hochwasserkatastrophe im Juli starben über 180 Menschen. Die Auswirkungen der Klimakrise sind mittlerweile auch hier sichtbar.

Die Weltgesundheitsorganisation sieht die Klimakrise als das größte Gesundheitsproblem der Menschheit, Impfungen gibt es nicht. Die Permafrostböden tauen fleißig vor sich hin und setzen dabei das CO2, das sie eigentlich speichern können, frei. Weil die Gletscher und die Polarkappen schmelzen, steigt der Meeresspiegel. Küstenstädte sind bedroht, Klimaflüchtlinge werden auch in westlichen Industriestaaten ein zukünftiges Problem. In Entwicklungsländern leiden die Menschen schon jetzt unter extremen Dürren und Wassermangel. Extremwetterereignisse häufen sich. Wälder brennen und Sturmfluten werden immer wahrscheinlicher. In diesem Sommer gab es in Kanada mehrere Klimatote, bei Temperaturen über 50 Grad Celsius. Was braucht es noch, damit auch die letzten Menschen verstanden haben, dass diese Krise menschengemacht, real, und kein natürlicher Wandel ist? 

Wo ist die Allianz der Willigen?

„Wir verhalten uns wie jemand, der mit Höchstgeschwindigkeit auf der linken Autobahnspur fährt, im Nebel, und nicht weiß, ob irgendwo ein Stauende ist“, sagt Prof. Dr. Mojiib Latif bei einem Vortrag Anfang November. Er ist Klimaforscher und Präsident des Clube of Rome, einer 1968 gegründeten internationalen wissenschaftlichen Organisation, die sich mit der nachhaltigen Zukunft der Menschheit auseinandersetzt. Er sieht den Klimawandel auch als Werteproblem. Wir hätten verlernt, sagt er, was das Menschsein ausmacht. Damit meint er den Egoismus und das Streben nach Maximalprofit, das sich durch unsere schnelllebige Wohlstandsgesellschaft zieht. Die Ungenügsamkeit und das ständige Streben nach mehr, in jedem Lebensbereich. Das Schicksal der Erde mitzuverantworten mag keinen direkten persönlichen Nutzen tragen, „es ist aber einfach richtig“, sagt Latif. „Man muss doch nicht immer warten, bis es Gesetze gibt oder irgendwas verboten ist, man kann auch Dinge freiwillig machen.“ 

Klimaschutz ist nicht schwarz-weiß 

Damit meint er vor allem Bewusstsein. Bewusstsein, was es bedeutet täglich Fleisch zu essen, und warum das problematisch ist. Warum Fernreisen schlecht fürs Klima sind und dass Deutschland eine historische Verantwortung trägt. „Wir haben unseren Wohlstand auf Kosten der Umwelt geschaffen“, sagt Latif und appelliert an die Werte und Normen eines jeden Menschen. Und an die Niedrigschwelligkeit von Klimaschutz. Klimaschutz bedeutet erstmal nicht, aufs Auto zu verzichten oder sich strikt vegan ernähren zu müssen, nie wieder in den Urlaub zu fliegen oder plastikfrei zu leben. Klimaschutz bedeutet vor allem Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen und sich selbst zu reflektieren und zu erziehen. Das Klima ist ein Allgemeingut. Es fällt leicht sich in der Anonymität der Mitlaufenden zu verstecken. Irgendwen findet man immer, der noch mehr Fleisch ist, noch öfter in den Urlaub fliegt, noch weniger regional kauft als man selbst. Es ist Gift für die Klimakrise sich mit denen zu vergleichen, die sie anheizen.

Es ist nie zu spät 

Es mag bequem sein, sich hinter der vermeidlichen Unaufhaltsamkeit des Klimawandels zu verstecken, oder an ihr zu Grunde zu gehen. Beides ist destruktiv. Noch ist es nicht zu spät, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf unter 2 Grad zu drücken. Deutschland strebt eine Klimaneutralität bis 2050 an, auch Schwellenländer wie Indien und China sind willig, sich dem Klimaschutz zu verschreiben. Es wird über globale CO2 Bepreisungen gesprochen und die Wasserstoffproduktion als alternativer Treibstoff ist auf dem Vormarsch. Betriebe setzen auf Nachhaltigkeit und werden das in Zukunft noch stärker tun müssen, um den neuen Ansprüchen gerecht werden zu können. „Ich erinnere mich noch an das erste Windrad“, sagt Latif, „damals haben alle gelacht.“ Latif glaubt an die Kraft der Veränderung, obwohl er seit Jahrzehnten sieht, wie sich die Klimakrise zuspitzt. Er glaubt an die Innovationskraft grüner Energien und dass die Zeit des kurzfristigen wirtschaftlichen Denkens zu Ende ist. Auch die Beständigkeit von Fridays for Future macht ihm Mut. Internationale Gemeinschaft könne Berge versetzen. Und irgendwann würden dann hoffentlich auch die Letzten begreifen, dass Klimaschutz einen Nutzen für uns alle hat. Und das er das einzige ist, was uns wirklich und langfristig als Menschheit voranbringt. 

  

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