„Ist es hilfreich ein Empfehlungsschreiben mitzuschicken, oder eher nicht?“ Die junge Frau vor dem Bücherregal schaut aufgeregt in die Kamera. „Wie?“ fragt die Dozentin. „Naja, ist die Wahrscheinlichkeit dann höher, dass man genommen wird?“ Ich schaue auf die kleinen Rechtecke, die Zoom mir an der Seite meines Bildschirms zeigt. Die anderen Seminarteilnehmenden hören aufmerksam zu, schreiben, nicken. „Motivationsschreiben und Lebenslauf reichen für die Bewerbung“, sagt die Dozentin und wird dafür überschwänglich mit Dank überschüttet. Dann kommt die Vorstellungsrunde und ich kriege Nasenbluten, weil überall Wettbewerb ist und Adern von zu viel Druck irgendwann platzen. 

Das ist gestern so passiert. Ich studiere im dritten Master Semester einen politischen Studiengang, die Unterrichtssprache ist Englisch. Ich hatte bisher nur online Veranstaltungen und mich daran gewöhnt, mich hinter instabiler Internetverbindung und der Anonymität von mir als 7cmx4cm Rechteck zu verstecken. Die Corona Semester haben nicht nur meine sozialen Unsicherheiten verstärkt. Ich fange an zu schwitzen, wenn die Dozentin eine Vorstellungsrunde vorschlägt und wenn ich sprechen muss, dann weiß ich oft nicht, wo ich hinschauen soll. Meine Seminarstimme klingt ganz anders als meine Sprechstimme und mein Englisch ist sehr viel besser, wenn ich nicht von zwanzig Augenpaaren angeschaut werde. Seminarräume fühlen sich an wie Bühnen, auf die man gestellt wird, obwohl man viel lieber in der Regie arbeitet. Ich habe chronisches Lampenfieber, besser bekannt als anxiety.

Meine Angst in Seminarräumen kommt von dem allgemeinen Gefühl, nicht gut genug zu sein – nicht nur in der Uni, sondern generell. Sie hängt mit einer Versagensangst zusammen und der Tatsache, dass überall die Möglichkeit des Vergleichens besteht. Ich vergleiche mich mit meinen Kommilitonen – aber nur mit den lauten, die leisen gehen in Seminarräumen unter, wie die Rechtecke in Zoom, verschwunden vom Display, anwesend als Name auf einer Teilnehmendenliste. Die Pandemie hat die Kluft zwischen lauten und leisen Menschen weiter verstärkt und während laute Menschen den Raum einnehmen, nehmen sie leisen Menschen die Möglichkeit, in ihrer Geschwindigkeit aktiv zu werden. Ich sehe meine Professoren über diese Feststellung den Kopf schütteln. Man könne Menschen nicht zur Teilnahme zwingen, außerdem wäre Introvertiertheit doch keine Krankheit. Das stimmt. Es gibt auch keine einfache Lösung für dieses Ungleichgewicht – Sprechanteile prozentual zu verteilen ist genauso übergriffig, wie wichtige Gedanken aus Gründen von Parität zu unterbinden oder Menschen zu zwingen, sich zu beteiligen. Trotzdem muss ein neuer Umgang mit Lautstärke gefunden werden: Nicht alle Menschen die viel zu sagen haben sind laut, ich habe allerdings das Gefühl, dass Lautstärke oft als Kompetenz fehlinterpretiert wird. Laut ist gleich gut und wird so zum verklärten Ideal. Geltungszwang und Aufmerksamkeitssucht machen im schnelllebigen Zeitgeist von Social Media auch vor Universitätstüren keinen Halt, und vor allem in Studiengängen mit sozialer und politischer Ausrichtung finde ich Selbstdarstellung hypokritisch und sehr problematisch. Im Interesse der Wissenschaft sollte alles Laute deshalb im unbestätigten Verdacht der Inkompetenz stehen, um falschem Glanz die Basis zu nehmen und einen inklusiveren, respektvolleren Raum zu erschaffen.

Das klingt sehr radikal und sicherlich schwingt in meinen Worten ein wenig Neid auf das Selbstbewusstsein der Lauten mit. Schwerer allerdings wiegt die größere Frage, ob es im Leben harte Ellenbogen braucht. Und die Fähigkeit, sich selbst als das Maß der Dinge verkaufen zu können. 

Universitäten sind Orte der großen Fragen und der unermüdlichen Suche nach ihren Antworten. Unis sind inklusive Institutionen. Orte, die Menschen zusammenbringen, die Lust haben, mit- und voneinander zu lernen, die ihren Platz finden wollen, um die Welt von dort aus ein bisschen besser zu machen. Universitäten schaffen Wissen und sind auf eben diesem erbaut. Wissenschaft und systemischer Unmut, Umdenken und Weltverbesserung hängen in der Luft der Vorlesungssäle. Ich fühle mich sehr wohl in diesem Umfeld, die meisten tun das. Es ist schön, Teil von all dem zu sein. 

Gleichzeitig sind Universitäten Orte des Wettbewerbs. Wenn Notendurchschnitte über die Möglichkeit der Teilhabe entscheiden und die besten plötzlich neben den anderen besten studieren, dann entsteht eine Dynamik, dessen Antrieb Druck und Perfektionismus sind. Natürlich haben Noten ihren Wert – welche Struktur gäbe es sonst, Leistung zu sortieren – und Leistung muss eben sortiert werden, weil wir in einem System leben, in dem nicht alle Menschen gleich sind. Das Problem sind auch nicht die Noten, sondern die gesteigerte Selbstdarstellung, die sie in einigen Menschen auslösen. Es ist ihre Präsentation und der damit einhergehende falsche Glanz, der Kompetenz überwuchert und die Wettbewerbs-Maschinerie anheizt. Versagensangst klebt wie Sand in ihrem Getriebe.

So sind Unis auch zu Orten der Selbstdarstellung geworden. Vielleicht waren sie das schon immer, vielleicht ist alles zum Ort der Selbstdarstellung verkommen, Omnipräsenz der sozialen Medien sei Dank. Vielleicht rührt die Selbstdarstellungssucht auch aus dem steigenden Akademikerinnenanteil in der Bevölkerung. Es gilt nicht mehr als besonders, eher als Standard, zu studieren. Vor allem in abstrakten geisteswissenschaftlichen Studiengängen sind die Berufsaussichten oft unklar. Survival of the one with the most internships, Wettbewerb sichert das Überleben. Deshalb muss auch glänzen was noch unreif ist - Schnelllebigkeit ist die Falle der Wissenschaft, weil Kompetenz nicht mess- sondern erfahrbar ist, und weil das Zeit braucht und der Prozess manchmal leise ist.  

Auch aus diesem Grund ist die allgemeine Selbstdarstellungssucht in Universitäten besonders gefährlich, weil sie nämlich kein Wissen schafft und deshalb negativ zur Wissenschaft beiträgt. Wenn ich in Seminaren sitze, und Lisa zwei Plätze weiter von ihren 14 Praktika erzählt, während sie gerade 21 geworden ist, dann setzt mich das unter Druck. Wenn Lisa sich durch diese Praktika definiert und die Imagination Ihrer selbst funktioniert, weil sie vordergründig beeindruckt und hintergründig einschüchtert, dann entsteht ein verklärtes Ideal, nachdem es zu streben gilt. Lisa ist ihr Lebenslauf. Lisa ist leider kein Einzelfall, deshalb funktioniert das faule System. Das Lisa-Syndrom haftet allen Institutionen an, die von Studierenden erwarten, reihenweise Praktika aufzuweisen, mehrere Fremdsprachen zu sprechen und bestenfalls Berufserfahrung zu haben, um zum Bewerbungsgespräch für ein unbezahltes Praktikum eingeladen zu werden. Es haftet an Dozierenden, die laute Lisas ständig zu Wort kommen lassen und es verpassen, einen inklusiven Raum zu schaffen, es haftet an uns allen, weil wir unbewusst auch nach mehr streben, weil wir in der Blase stecken, in der die Währung des Selbstwertes Anerkennung von außen ist. Wenn wir wie Lisa sein wollen, untergraben wir unsere Individualität und ganz persönliche Fähigkeiten, um eine Schablone auszufüllen, die es eigentlich gar nicht gibt. Wir neigen dazu zu vergessen, dass die Welt nicht schwarz weiß ist und dass auch Lisas Menschen mit Problemen sind. Es kann leichter sein, sich mit Praktika und Arbeit zu betäuben, als den Mut zu haben, sich seine eigene Schablone zu zeichnen.  

Was ich eigentlich sagen möchte: Ich studiere sehr gerne. Ich liebe es zu lernen und manchmal überkommt mich ein kribbeliges Glücksgefühl, wenn ich merke, dass ich die Welt wieder ein bisschen besser verstehe. Ich studiere, um irgendwann außerhalb der universitären Strukturen meinen Teil beitragen zu können und um meine Neugier mit Leidenschaft, Wissen und Weitsicht zu verbinden. Ich studiere für mich, nicht für die anderen Menschen in meinen Seminaren, nicht für meine Profs und nicht für meine Eltern. Seminarräume sind keine Bühnen, studieren ist kein Schauspiel. Universitäten sind Orte der Möglichkeiten, akademischer Austausch ist großartig. Es geht nicht um einzelne Personen, es geht um große Gedanken und Visionen und tatsächlich vor allem darum, (zu lernen) ein guter und umsichtiger Mensch zu sein. Es erscheint mir paradox, während des Studiums laut und alleine für die Verbesserung der Welt zu kämpfen, wenn die intrinsische Motivation eigentlich eine andere ist. Ich wünsche mir mehr leise Menschen, die sich trauen auch mal laut zu sein, und umgekehrt. Wir sollten uns nicht gegenseitig einschüchtern, weil wir denken, dass wir uns die Praktikumsplätze wegnehmen. Wir dürfen uns daran erinnern, warum wir uns eigentlich dafür entschieden haben, zu studieren, was wir studieren. Und dass Weltverbesserung sowieso viel mehr Menschen braucht, als es Studienplätze gibt.

 

Foto Credits: Unsplash // edwin-andrade

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